Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 37)
- Language
- German
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92 Schrift berichtet von den Propheten der Völker; aso nur im Werte der Prophetie kann die Differenz liegen. Und dieser Wert der Prophetie ist es, aus dem die Erwählung Israels beruht. Aber dieser eigenartige Wert ist bereits beschädigt; die Berufung kann danach keinen integern sittlichen Wert mehr haben. Spinoza beginnt diesen mehr politischen Teil mit einer allgemeinen Erörterung über den Begriff der Naturgesetze, in dem deutlich sein Pantheismus anklingt. Die Hauptsache sei für die Vernunft, „die Gesellschaft mit sicheren Gesetzen zu gründen . . . und alle Kräfte gleichsam zu einem Körper, nämlich zu dem der Gesellschaft zu vereinigen (62) 80). Die Bildung desStaates ist der wichtigste Schritt in der „Leitung Gottes", die gleichbedeutend ist mit der Naturordnung oder „der Verkettung der Naturdinge". Im Staatswesen liegt daher auch der Unterscheidungsgrund der Völker. „Die Völker unterscheiden sich von einander nur hinsichtlich ihrer Gesellschaft und der Gesetze (62)81). Was folgt nun daraus für das hebräische Volk und seine Gesetze? Zunächst ist der Begriff des Gesetzes hier fragwürdig. Sind denn die Gesetze nur Staatsgesetze, oder auch Gesetze des Glaubens. Spinoza fährt fort: „So ist auch das hebräische Volk nicht in der Art seiner Vernunft und seiner Seelenruhe von Gott vor den anderen auserwählt gewesen, sondern in der Art seiner Gesellschaft und seines Schicksals" 82). Aus der Schrift gehe deutlich hervor, „daß die Hebräer darin allein vor den anderen Völkern ausgezeichnet gewesen sind, daß sie alle ihre Angelegenheiten, die zur Sicherheit des Lebens gehören, glücklich geführt und große Gefahren überstanden haben ... im übrigen aber den anderen gleich waren, und daß Gott allen gleichgeneigt sei" (63)83). Es wird sogleich daraus die Folgerung gezogen, daß die Hebräer nicht nur nicht intellektuell die anderen Völker übertrafen, sondern auch nicht „hinsichtlich der T u g e n d und des wahrhaften Lebens" (63) 84). Auch hierin waren „nur sehr wenige auserwählt".