Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 85 (sequence 30)
- Language
- German
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85 Diesen Sinn der Sache spricht die Fortsetzung aus. ^Und in diesem Sinne können wir auch sagen, die Weisheit Gottes, d. h. eine Weisheit, die über alle menschliche ist, habe in Christo menschliche Natur angenommen, und Christus sei der Weg des Heils gewesen"88). Jetzt ist es wiederum die Weisheit Gottes, nicht Gott selbst, die menschliche Natur in Christo angenommen hat. Warum nur die Weisheit, die man doch leicht in der eingeschränkten Bedeutung des Logos verstehen könnte? Aber wenn Gott als Weisheit sich offenbart hat im Geiste Christi, so müßten die Apostel selbst auch an diesem Geiste Anteil haben, wenn ihnen die Offenbarung dieses Geistes zugänglich werden sollte. Es ist wiederum die Illusion des Pantheismus, welche die Kommunikation von Gott und Mensch im Geiste ermöglicht. So allein können wir Spinoza verstehen und ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. Sein Pantheismus macht ihm die Göttlichkeit Christi sympathisch und aus dieser Sympathie verständlich. Aber daß er sich selbst den Puls fühlt bei einem solchen Bekenntnis, das läßt der unmittelbar folgende Satz erkennen: „Ich muß hier aber daran erinnern, daß ich keineswegs von dem rede, was einige Kirchen von Christus lehren"59). Wir brechen ab: nur einige Kirchen lehren anders von Christus? Um dies zu verstehen, muß man bedenken, daß ihm die Lehre Zwinglis bekannt geworden sein wird, und daß er sich in dem Kreise seiner Rynsburger mit der Illusion schmeichelte, die dogmatische Auffassung der Trinität sei allgemein überwunden. Freilich trägt er seine Gewissensbisse noch sehr schüchtern vor; er fährt fort: „und es auch nicht bestreite. Denn ich gestehe offen, daß ich es nicht begreife". In derselben Weise hat er sich in Briefen das Herz erleich tert°°). Aber er hat sich nicht gefragt, wenn der allgemeinen kirchlichen und religiösen Auffassung gegenüber, wie man hier richtiger sagen könnte, einige neuere dogmatische Reformen mit dem Pantheismus vereinbart werden, sollte diese Vereinbarung nicht auch bei dem Gotte möglich sein, der sich Mose geoffenbart