Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 81 (sequence 26)
- Language
- German
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l*üüi — 81 — Gesichte oder Gestalten unverzüglich übersetzen müssen? Diese Bestimmung kann nicht unbefangen getroffen sein; sie muß auf eine Unterscheidung abzielen. Wenn aber die Prophetie Offenbarung ist, Offenbarung schlechthin: welche Offenbarung soll dann von der Prophetie unterschieden werden? Und wenn es richtig sein sollte, daß durch diese Bestimmung die Erkenntnis der Propheten eingeschränkt werden soll, könnte eine andere Offenbarung Gottes sich anderer Mittel bedienen als der Worte und Gesichte? Müßte nicht dann überhaupt mit der Prophetie auch der Begriff der Offenbarung hinfällig werden? Schon hier kann kein anderer Wegweiser das Verständnis leiten als der in dem Stilcharakter dieses Buches gelegen ist. Was die Propheten für den Staat bedeuten, diese Betrachtung haben wir schon gestreift. Auf den Staat aber und seine Allmacht kommt es hier an; erst in zweiter Linie auf die^lleligion. die ja der Staat erst zu legitimieren hat. So muß mit der Prophetie des alten Testaments die ganze Religion des alten Testaments, insofern sie aus der Prophetie beruht, zu einer Religion von Worten werden. Was aber gibt es anderes in aller Erkenntnis als Worte? Es handelt sich hier offenbar um den Gegensatz von Wahrnehmung und Erkenntnis. Worte und Gestalten sind Mittel der Wahrnehmung. Und die Einbildung selbst, die nach altem Vorgang auch von Spinoza den Propheten zugestanden wird, auch sie gehört der auf Wahrnehmung zurückgehenden Vorst e l l u n g an. Das möchte nun für die Psychologie der Prophetie als rationalistische Erklärungsweise alles hingehen, wenn nur die Q u e l l e der Imagination nicht etwa in Gott gelegt wird, als ob von ihm die Imagination ausginge. Diese Verkörperung Gottes aber ist gerade der Sinn dieser Auffassung der Prophetie. Die Propheten haben eine wirkliche Stimme gehört, und dabei macht auch Mose keine Ausnahme.