Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111102-3116604--4963-3116713- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 80 kennen, hängt blos von der Erkenntnis Gottes und von seinen ewigen Dekreten ab" (16) 46). So ist also die Offenbarung natürliche Erkenntnis auf Grund des- Kriteriums der Natur, und zugleich göttliche Erkenntnis auf Grund des Kriteriums Gott. In einein Falle sind die Propheten Erkennende, im anderen nur Dolmetscher. Und den letzteren Ausdruck setzt Spinoza für den hebräischen Ausdruck (JOü) (Nabi) ein47). Damit ist wiederum von vornherein eine neue Zweideutigkeit in den Begriff der Prophetie gekommen: Ist sie Erkenntnis oder nur Mundstück? Durchaus soll die Prophetie nichts voraus haben vor der natürlichen Erkenntnis, die ebenso göttlich heißen dürfe. Da spielt wieder der Pantheismus hinein: „denn die Natur Gottes, soweit wir an ihr Teil haben, und der Ratschluß Gottes, geben sie uns gleichsam ein". So hatte Descartes die Gleichwertigkeit von Natur und Gott hinsichtlich des Kriteriums der Gewißheit nicht gemeint. Aber diese Anspielung wird weitergeführt. Man merkt jedoch hier schon, daß die Erkenntnis der Propheten nur in dem Sinne als göttliche anerkannt werden soll, daß sie allen Menschen natürlich sei, insofern alle Menschen cm der Natur Gottes Anteil haben. Aber die andere Bedeutung der Natur bildet die eigentliche Pointe: Die Erkenntnis^der Propheten ist nicht etwa erhaben über die aller ^Menschen. Hierzu soll nun auch seine exegetische Grundregel'mithelfen: die Schrift sei allein aus ihr s e l b st zu erklären. Und da sei vor allem zu bemerken, „daß die Juden niemals die Mittel- oder Teilursachen erwähnen, noch sie beachten, sondern daß sie immer . . alles auf Gott beziehen" (18)48). So ist es zu verstehen, daß die Propheten nicht etwa die literarischen Urheber ihrer Gedanken sind, sondern daß alles den Propheten offenbart wurde „entweder durch Worte oder Gesichte, oder auf beiderlei Weise" (19) 49). Der literarische Gesichtspunkt ist hiermit gar nicht eingestellt; denn wie könnte eine Offenbarung, eine Mitteilung überhaupt anders erfolgen als durch Worte, in welche sich ja auch die