Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 20)
- Language
- German
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Wenn die Philosophie überhaupt von der Theologie durch ein eigenes Dekret abgetrennt wurde, so wird dadurch aber nicht nur nicht für den religiösen Liberalismus gesorgt, sondern damit wird zugleich eine Schranke errichtet zwischen der Volksbildung und der Wissenschaft, als welche auch die Philosophie zu gelten hat, die hiernach einer gelehrten Zunft zugewiesen wird. Dieser Unterschied zwischen universeller Bildung und wissenschaftlicher Einsicht wird so zum Grundmangel dieser Staatslehre, wie dieser Religionslehre. Der Staat muß Aristokratie bleiben., weil die Menge nicht nach der Vernunft leben kann. Und die Religion hat nur den Gehorsam zu lehren; aber mit spekulativen Einsichten darf sie durchaus nichts gemein haben. Derselbe Grund macht die Religion und den Staat vernunftlos. Diese Konsequenz von dem Verhältnis des Staates zur Religion wird ausdrücklich gezogen. Bisher war nur von Glauben oder Religion und- Staat die Rede, der Kirche aber war noch nicht Erwähnung getan. Indessen zielt diese ganze Parteischrift mit allen ihren Theorien gegen die Kirche. Ihretwegen soll nicht nur die Religion, sondern auch die Wissenschaft der Theologie von aller Philosophie abgetrennt werden, weil diese, wie alle Wissenschaft, durch den Staat allein gepflegt wird. Im Widerspruche stehen also von vornherein Staat und Kirche. Wie verhält sich nun überhaupt die Kirche zum Naturzustand? Diese Frage geht zurück auf die andere: Wie verhält: sich die Religion überhaupt zum Naturzustand? . Der Naturzustand kennt kein Gesetz: er kann daher auch kein göttliches Gesetz kennen. Und im Buche > Gottes wird keine andere Religion gelehrt als die geoffenbarte. Es gibt in diesen: Buche keine natürliche Religion. Wenn sie dies ihrem einfachen Inhalte nach zu sein scheint, und sogar auch als solche sich ausgibt, so wird sie dochimmer mit der Offenbarung gleichgesetzt. Ausdrücklich heißt es vom Naturzustand: „er ist, sowohl der Natur als der Zeit nach, früher als die Religion" (287) 37). „Darum.