Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 74 (sequence 19)
- Language
- German
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74 politischen Ueberzeugung hingeführt hat. „Wir haben gesehen, daß der Weg, den die Vernunft selbst lehrt, sehr schwer ist, so daß die sich einreden, es könne dieMenge oder die, welche durch öffentliche Geschäfte zerstreut werden, dahin gebracht werden, daß sie allein nach der Vorschrift der Vernunft leben, ein goldenes Zeitalter der Dichter, oder eine Fabel träumen"34). Dann wäre ja wohl aber auch die Ethik in das Fabelland verwiesen? Oder beharrt etwa die Ethik auf dem Unterschied zwischen den Philosophen und der Vernunft der Menge? Unter dieser Differenz freilich ließ sich die Demokratie nicht aufrechterhalten, und die Aristokratie mußte an ihre Stelle treten. „Diese muß notwendig ewig" sein. Und jetzt wird dagegen die Demokratie zum „absoluten Imperium"33). Wir gehen nicht näher auf diese Fragen ein, geschweige auf ihren Zusammenhang mit der Publizistik für de Witt. Wir halten uns nur an den einen Gedanken: daß die Menge in Widerspruch gesetzt wird mit der Vorschrift der Vernunft. Diesen Gedanken, der alle prinzipielle Anwendung der Ethik auf die Politik ausschließt, atmen auch schon im theologisch-politischen Traktat die Schlußausführungen, und wir werden auch im historischen Teil desselben diesen Gedanken als Grundmotiv erkennen. Zunächst könnte es scheinen, als ob diese Verteidigungsschrift der Regentenpartei lediglich für religiöse Aufklärung, für Freiheit der religiösen Diskussion und für Philosophie einträte. Aber es paar von vornherein bedenklich, daß Jan de Witt die Verbindung von Theologie und Philosophie überhaupt verboten hatte. Dagegen war eine anonyme Schrift erschienen, welche „das größte Aussehen erregte. Der Verfasser des Buches war sein Freund, Ludwig Meyer . . Mit seinen: theologisch-politischen Traktate nahm Spinoza Stellung in diesem Streite und ergriff die Partei Jan de Witts gegen Ludwig Meyer". So berichtet die mehrfach zitierte Einleitung33).