Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 17)
- Language
- German
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72 determinierte Macht sich erstreckt"24). Recht ist sonach Statur in der Bedeutung der Macht des Individuums. Und so werden Natur und Individuum identisch. Es gibt auch keinen Unterschied unter den Individuen der Natur. „Dabei erkenne ich keinen Unterschied an zwischen Menschen und anderen natürlichen Individuen" (274)25). Er beruft sich für diesen Naturzustand auf Paulus, „der vor dem Gesetz . keine Sünde anerkennt" 26). Das ist hier das Recht des Naturzustandes und seine Unschuld. Wer dieser Naturzustand soll ja eben überwunden werden. Indessen kommt es darauf an, ob auch bei dieser Abstraktion von aller Vernunft abgesehen wurde. So scheint es hier in der Tat gemeint zu sein „Denn nicht alle Menschen sind von Natur bestimmt, nach den Regeln und Gesetzen der Vernunft zu handeln" 27). Hier entsteht bereits ein klaffender Widerspruch zwischen der Natur und ihren etwaigen Gesetzen gegen die Gesetze der Vernunft. Wie kann die Natur, wie kann Gott diesen Unterschied unter den Menschen verantworten? Spinoza folgert aus diesem Recht und Gesetze der Natur: daß es „nicht den Streit, nicht den Haß, nicht den Zorn, überhaupt nichts, zu dem ein Trieb uns rät, verwirft" (275)28); Die ewigen Gesetze der Natur sind,^ nicht „zwischen die Gesetze der menschlichen Vernunft ein-" geschlossen"29). So klafft wieder der Unterschied von Natur und Vernunft. „Wenn uns daher irgend etwas in der Natur als lächerlich, widersinnig oder schlecht erscheint" 30). — Wir brechen ab. Ist es etwa dasselbe Befremden, das das Lächerliche darbietet und das Schlechte? Wenn hier der Unterschied zwischen der gesamten Natur und unserer Natur gemacht wird, so ist diese Unterscheidung hinfällig. Denn alle Astronoiuie kann uns nicht verhindern, für unseren Mikrokosmos das Schlechte als solches abzustempeln. Die Zweideutigkeit liegt eben wieder an „unserer" Natur: ob sie dies ist in Gemeinschaft mit den Fischen, oder in der Auszeichnung der sittlichen Menschenkraft.