Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 69 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111102-3116604--4952-3116702- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 69 — Staate ergibt sich aus dieser Begründung des Glaubens? Welche Freiheit im Staate folgt aus diesem Gehorsam -gegen Gott? Und kann die Philosophie etwa jenen vernunftlosen Gehorsam für den Staat ersetzen? Kann sie es vollends dann, wenn ein unausgleichbarer Gegensatz zwischen Religion und Philosophie die Einheit der Kultur aufheben soll? Auch der Begriff des Staates wird durch diese Religion durchaus in Frage ge st eilt. Die Theorie des Staates ist seit der Renaissance auf den Begriff der Natur gegründet worden. Schon in der griechischen Blütezeit hatte die N a t u r die Bedeutung ursprünglicher Wahrheit. Gegen die Sophisten verteidigte Platon Recht und Gerechtigkeit, ebenso wie Erkenntnis und ihre Gewißheit als auf Natur beruhend gegen die Skepsis, welche Staat und Recht gleichsetzte mit Macht und Uebereink u.n f t und Herkommen. Für Recht und Staat stehen daher von Anfang an Natur und Macht in Gegensatz. Diesen Ewigkeitswert der Natur hat die S t o a von neuem begründet und befestigt. Und die Renaissance hat Liese kulturgeschichtliche Tendenz der Stoa wieder ausgenommen und für alle Resormfragen der neueren Zeit verwertet. So. ist mit—d.em—Nn-bu_r_r echt auch die n at ürli. ck> e. R f T i a-i-o-n-entttand en. Der geschichtliche Grund und die gedankliche Wurzel aller geschichtlichen Institutionen der Kultur wurde als Natur ausgezeichnet, und von den geschichtlichen Veränderungen selbst als deren beharrender Grund unterschieden. Schon in der Stoa entsteht aber eine Zweideutigkeit an diesem ihrem Grundbegriffe der Natur, die sich aus dem Anteil ergibt, den sie an der Entwicklung des Pantheismus hat. Und diese Zweideutigkeit wird nach allen Seiten bei Spinoza störend. Denn bei ihm ist ja die Natur gleich Gott (Ü6U8 sive natura). Mithin steht die Natur im Zeichen der Substanz. Sie vertritt daher das Ursprüngliche und B e - harrende in allem Natürlichen, wie in allem Geistigen