Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 11)
- Language
- German
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66 Johannes bestimmt er den Geist Gottes als die Liebe. Diese aber setzt er gleich dem Gehorsam. Nun aber zieht er daraus nicht nur die Folgerung gegen Paulus, sondern er st eilt dieReligion überhaupt außerhalb des Gebietes der Wahrheit. Zu dieser Konsequenz sührt ihn die ersprießliche | Trennung von Religion und Vernunft. „Weiterhin folgt, daß der Glaube nicht sowohl wahre als fromme Dogmen erfordert, das heißt solche, wie sie den Sinn zum Gehorsam anhalten. Mögen immerhin auch viele darunter sein, die nicht einen Schatten von Wahrheit haben, vorausgesetzt, daß derjenige, der sich zu ihnen bekennt, von ihrer Falschheit nichts weiß .... So folgt daraus, daß zum allgemeinen - oder gemeingültigen Glauben keine Dogmen gehören können, über die es unter rechtschaffenen Menschen eine Meinungsverschiedenheit geben kann" (253)u). Aber wo ist denn das Kriterium für diese Meinungsharmonie rechtschaffener Menschen? Er sagt nicht, daß es zum allgemeinen Glauben gar keine Dogmen geben dürfe, sondern nur solche, zu deren Qualifikation er das Kriterium nicht angegeben hat. ( Und sein Pragmatismus schrickt nicht zurück vor! der Konsequenz: „Dogmen von dieser Art könnten in Ansehung des einen fromm und in Ansehung des anderen gottlos sein; denn sie sind eben blos nach den Werken zu beurteilen" (254)12). Dies also ist der tiefere Sinn des Satzes: „Die Glaubenssätze sollen nur praktische Regeln des Gehorsams sein". Fehlt leider nur die Darlegung des geistigen Bandes, durch das die Werke in Verbindung gesetzt werden. Daß diese Theorie sich selbst in absurde Widersprüche aufiösen muß, kann nicht bezweifelt werden. Spinoza zählt diese seine Dogmen auf, deren erstes ist: „es gibt einen Gott . . . Denn wer nicht weiß oder nicht glaubt, daß es dieses Wesen gibt, der kann ihm auch nicht gehorchen" 1S). So setzt dann also ebenso wie die Existenz etwas vom Wesen, so auch der Gehorsam doch eine Er-