Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 64 (sequence 9)
- Language
- German
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64 Weil sie ihnen die Illusion des Kämpfermutes vorspiegelt. — Fragen wir zunächst: was denn der Inhalt des. Glaubens sein kann, wenn ihm die Erkenntnis Gottes entzogen wird? - Der Glaube ist nach Spinoza der Gehorsam gegen Gott. Also nicht ein theoretisches Verhältnis zu Gott vollzieht und bedeutet der Glaube, sondern lediglich ein praktisches. Wie ist denn nun aber die menschliche Handlung möglich, wenn sie nicht durch die Vernunft, die bei Spinoza ohnehin gleichbedeutend ist mit dem Willen, geleitet wird? Gegen diesen Einwand schützt sich — aber welch' ein Schutz ist dies für eine philosophische Begründung der Religion — durch die Gleichsetzung des Glaubens mit der Offenbarung, mit der Schrift. Durch die Schrift also soll der Wille bewegbar werden, wenn er von der Vernunft unbewegbar bleibt! Es entsteht daher die Zweideutigkeit: daß die Schrift, die nichts mit der Philosophie gemein haben soll, dennoch in Bezug auf den Willen mit der Vernunft gleichgesetzt wird. „Ich fand aber in dem, was die Schrift ausdrücklich lehrt, nichts, das nicht mit der Vernunft im Einklang wäre oder das ihr widerstritte" (11)b). Vernunft hat mithin die doppelte Bedeutung als Erkenntnis und als Teilkraft des Willens. Außerdem aber bleibt er bei dieser Negation, und sieht sich dadurch garnicht zu der Frage gedrängt: wie steht es denn positiv um das Verhältnis zwischen Schrift und Vernunft? Wenn jedoch auch ein solches positives Verhältnis bestehen sollte, wenn auch nur bedingter und eingeschränkter Weise, so wäre dadurch mit der Vernunft doch wohl auch die Erkenntnis in den Bereich des Glaubens wieder eingetreten? Und der Glaube bliebe alsdann nicht auf den Gehorsam beschränkt, der ohnehin schon psychologisch zwischen Himmel und Erde schwebt: der nicht anfangen kann, es sei denn von der Erkenntnis aufgestachelt und geleitet. Spinoza bezeichnet die Lehre vom Gehorsam als „den Hauptzweck der ganzen Schrift". „Denn wer sähe nicht, daß beide