Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 63 (sequence 8)
- Language
- German
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63 -es einen allmächtigen Gott gibt . . was aber Gott ist . . dieses und ähnliches lehrt die Schrift nicht ausdrücklich und als ewige Wahrheit" (141) 5). Die Schrift gebe „keine ausdrückliche Definition von Gott.. . . Aus alledem ziehe ich den Schluß, daß die vernunftmäßige (nicht: „verstandesmäßige") Gotteserkenntnis . . zum Glauben und zur offenbarten Religion durchaus nicht gehört (247)6) und daß infolge dessen auch die Menschen . . darüber himmelweit irren können". So entsteht hier eine Spannung zwischen Glauben und Erkenntnis. Da nun aber die Erkenntnis hier nicht auf die Objekte der Wiss ensch ast, wie es nach Descartes geschehen müßte, nämlich auf Mathematik präzise bezogen wird, so greift diese Spannung über auf dieVernunft überhaupt, von der der Glaube, und sonach die Schrift gänzlich abgetrennt wird. Für den Glauben gibt es daher auch keinen Irrtum. Von Anfang an hatte er sich diese Disposition gemacht. Denn wir wissen, daß er darauf ausging, die Philosophie frei zu machen von der Kirche. Diese Befreiung strebt er nun dahin an, daß er die Schrift, als die Urkunde der Kirche, gänzlich außer Verhältnis zur Vernunft setzt, weil und damit sie „nichts mit der Philosophie Gemeinsames hat" (11)*). Was kann das nun für ein Glaube, für eine Religion sein, die sich selbst so außer Zusammenhang setzt mit der Erkenntnis von Gott und überhaupt daher mit der Vernunft? ' Und wir dürfen von hier aus zugleich weiter fragen: welcher Begriff vom Staate kann dabei herauskonilnen, wenn er, um seine Souveränität der Kirche gegenüber zu behaupten, diese alles göttlichen Blutes und alles Saftes der Erkenntnis entleert? Es gehört zum Stil solcher Geister, die, wie Spinoza, auf eine schriftstellerische Wirkung hin, und zwar auf eine aktuelle, ihre Gedanken ausbauen, daß sie nicht nur vor keiner Konsequenz zurückschrecken, durch sie zur erneuten Prüfung ihrer Prämissen ermahnt würden, sondern daß vielmehr die Paradoxie der Konsequenz sie anreizt,