Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 61 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 61 hat der Philosoph die Verantwortung für sein Urteil zu tragen. Diese Frage stellt sich unser Autor nicht. Und ich darf vielleicht es aussprechen: Kein anderer hat über diese Frage sich ausgesprochen. Aber diese Frage betrifft nicht einmal nur die jüdische Religion und mit dieser die Religion überhaupt: noch eine andere Frage erhebt sich hier gegen den Publizisten und vollends gegen den Philosophen. Wir haben es betrachtet, in welchen Koniplikationen sein literarisches Unternehmen verstrickt ist. Zuletzt hat sich nun gezeigt, daß er seinen ganzen Groll über den Bann aufbewahrt hat, um ihn in dieser staatsphilosophischen Schrift auf Grund einer philologischen Bibelforschung zu ergießen. Und nun zeigt es sich, daß diese ganze Bibelkritik mit ihrer Pointe, der Kritik des jüdischen Staates, wie tief immer ihr wissenschaftlicher Grund liegen mag, ihren aktuellen Anlaß aber in dem Opportunismus einer politischen Parteischrift hat. Welche Gefahren liegen hier für die Sachlichkeit und Unbefangenheit des größten Schriftstellers selbst, geschweige für einen, der einen alten Groll in diesem Gewirr von Tendenzen austoben will. Denn daß seine Urteile „hart und feindselig" sind, haben wir ja schon von unparteiischer Seite angeführt. Wie konnte ein gegen feine eigene Nation „feindseliger Geist" es unternehmen, den Charakter der jüdischen Religion aus der Bibel zu entdecken und darzustellen? Zeit und Reihenfolge der biblischen Schriften mochte ein solcher Mann beleuchten können. Diese Verdienste sind hinreichend begreiflich. Aber es stände schlimm um die Bibelkritik, wenn sie in solcher Philologie sich erschöpfte; wenn sie daher in ihrem Verständnis der Bibel, ihrem Verständnis besonders der Propheten wirklich und innerlich auf den Schultern Spinozas stände. Von der Gefahr dieses Vorurteils hat C. Siegfried in entscheidendem Urteil die innere Bibelforschung befreit?) Und unsere Frage muß noch weiter gehen. Wenn das Urteil des Politikers, wenn das Urteil des Bibel-