Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 3)
- Language
- German
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58 i Staatstheorie. Zum mindesten hat die eine der beiden Ausgaben ihre isolierte Sachlichkeit eingebüßt. Die Bibelkritik wäre in der Tat nicht in dieses Buch gekommen, wenn sie nicht durch ein anderes Moment im Leben Spinozas vorbereitet wäre. Es. ist bekannt, daß Spinoza von der Synagoge zu Amsterdam mit dem großen Bann belegt worden ist. Ueber die prinzipielle Frage von dem Rechte des Banns überhaupt glauben wir uns jedes Worts enthalten zu dürfen. Welchen aktuellen Grund dagegen die Synagoge zu dieser Maßregelung hatte, und zwar auch ohne Rücksicht auf vorsorglichen Schutz der Gemeinde gegen den ausgeprägten Typus, den der Denunziant in der Geschichte der Judenverfolgungen bildet — das wird sich später von selbst ergeben. Hier haben wir nur den Zusammenhang dieser biographischen Tatsache mit der Abfassung des theologisch-politischen Traktats zu erwägen. Spinoza hatte unter dem Namen „Apologie" eine Protestschrift gegen den über ihn verhängten Bann niedergeschrieben, die in den Kreisen seiner Freunde gelesen und verbreitet wurde. Er hat den Druck dieser Schrift offenbar deshalb unterlassen, weil er in größerem Umfang und in einer weiteren Perspektive den Schlag gegen die Gegner führen wollte. Vielleicht mag ihm auch der Gedanke eine zweideutige Genugtuung bereitet haben, daß er seinen Kampf gegen das Judentum und dessen biblische Quelle zugleich im Geiste seiner Politik führe. Es mußte ihm dann aber auch jeder Zweifel verscheucht sein daran, daß diese seine Politik nach ihren Zielen, wie nach ihren begreiflichen Voraussetzungen in lebendigem Zusammenhang stehe mit seiner eigentlichen Philosophie, mit seiner Ethik. Die Auslassung der Philosophie im Titel der Schrift wäre sonst ein ominöses Zeichen. Denn der Traktat selbst läßt keinen Zweifel darüber aufkommen, daß die Grundgedanken der Ethik bei seiner Abfassung schon festgelegt waren. Es wird daher eine interessante Frage sein: ob die Grundgedanken des Traktates nicht nur der aktuellen Tendenz der Politik gemäß sind, sondern ob sie auch mit der Ethik,