Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 32 (sequence 18)
- Language
- German
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32 Vielbesprochene Begriff vom „Gott der Rache", den jetzt nicht Juden, sondern christliche Völker für durchaus begreiflich und gerechtfertigt halten. Allerdings ist das Judentum später vom staatlichen Leben losgelöst worden' es hat sich zu der höchsten Höhe der reinen und schrankenlosen Menschenliebe entwickelt. Wo die Ethik des Judentums das Prinzip der Vergeltung aufrecht erhält, handelt es sich lediglich um die Verteidigung der Rechtsidee, um die Beseitigung jeder Störung der Rechtssicherheit. Anders das Christentum, das zu einer Zeit im jüdischen Volk entstanden ist, als es sein staatlichpolitisches Dasein aufgeben mußte. Die neue Religion ging aus jenen Kreisen hervor, die auch auf die politische staatliche Zukunft Israels verzichtet hatten und im prophetischen Universalismus - diese Zukunft suchten. Erst im Laufe der Zeit ist das Christentum Staatsreligion geworden, und da mußte es notwendig die sogenannte alttestamentliche Ethik aufnehmen, die es bei seinem Entstehen antithetisch bekämpft hatte. Das sehen wir in unseren Tagen am klarsten, und es ist sicherlich kein Zufall, daß man während des Krieges die prophetischen Reden wider die Uebermütigen und Ruchlosen so häufig zitiert und die Psalmen, die über das Treiben der grausamen Feinde bittere Klagen führen und den Gott der Gerechtigkeit zur gerechten Vergeltung anrufen, so zeitgemäß findet. Es gibt in der Tat unter den gegenwärtigen Ereignissen kein religiöses Buch, vielleicht überhaupt kein Buch, das so sehr unseren seelischen Bewegungen entspricht, wie das ewige Buch der Bücher. Zu dieser „Hausapotheke der Menschheit", wie Heine die Bibel nennt, greift man jetzt unter den Stürmen der Zeit. Hoffentlich wird man nun das biblische Schrifttum und mit ihm das ganze Judentum auch in Friedenszeiten besser, d. h. gerechter zu würdigen verstehen. Aber dann wollen wir doch das Endziel aller sittlichen Entwicklung nach der Lehre des Judentums im Auge behalten: Friede und Gerechtigkeit. Es liegen mir aus dem letzten Berichtsjahr einige Schriften vor, die in erfreulicher Weise einer ehrlichen