Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 31 (sequence 17)
- Language
- German
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31 -logischen Sinne genommen, sich wesentlich abschleisen 'dürften. Dann könnte man auch hoffen, daß die Kontroverse zwischen Judentum und Christentum wohl nicht ganz verschwinden, was eigentlich gar nicht zu wünschen wäre, sondern in ruhigem Tone und mehr sachlich geführt würde. Wenn man über das Verhältnis des Christentums zum Judentum kein Wort mehr verlieren würde, dann wäre dies ein beklagenswerter Jndifferentismus, weder dem einen noch dem anderen zum Segen. Aber der scharfe polemische Ton, der oft den, Charakter der Gehässigkeit annimmt, könnte ganz gut aufhören, und bei objektiver Beleuchtung beider Weltreligionen, bei einer geschichtlichen Auffassung aller in Betracht kommenden Erscheinungen, wird die Wahrheit nur gewinnen. Im übrigen wäre vielleicht hier die Brücke zu finden, die uns zu einer erneuten Annäherung an die anderen Kulturvölker, wenn der Friede wieder hergestellt sein wird, führen könnte. Wer die Dinge jetzt mit offenen Augen betrachtet, wird sicherlich von einer eigenartigen Erscheinung überrascht sein, von einem Rollenwechsel, wenn ich mich so ausdrücken darf, den man vor wenigen Monaten noch für unmöglich gehalten hätte. Das Judentum, die alttestamentliche Religion, wie man zu sagen Pflegt, erscheint immer mehr im Lichte der messianischen Heilslehre und von der reinen Menschenliebe beherrscht, die keine nationalen Schranken kennt. Hingegen befehden sich jetzt christliche Völker mit unsäglicher Erbitterung, und ein sehr christliches Volk, das soviel Mittel auf die Verbreitung der evangelischen Friedensbotschaft Jahr für Jahr verwendet, ruft Heiden herbei, um christliche Mitbrüder zu verderben. Will man von dieser besonders traurigen Erscheinung absehen, so ist die Erklärung für die gegensätzliche Entwicklung im Judentum und im Christentum doch leicht zu finden. Das Judentum war ursprünglich eine Staatsreligion und auch seine Ethik ist zuerst auf dem Boden des Staatslebens und der Staatsnotwendigkeit entstanden. Deshalb führt es auch das Schwert und fordert die Vergeltung ffür Böswilligkeit und Schlechtigkeit. Das ist der