Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 30 (sequence 16)
- Language
- German
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30 In den letzten Tagen habe ich oft gehört und gelesen, daß der Weltbrand, der zur Zeit alles menschliche Interesse in Anspruch nimmt, als die Geburtswehen einer neuen Zeit, einer neuen Geschichtsepoche aufzufassen sei. Solche Stürme sind bereits über die Menschheit Uerchiedene Male gegangen und haben jedesmal eine Neugestaltung der Dinge, nicht nur in politischer und sozialer, sondern auch in geistiger Hinsicht gebracht. Ich möchte hier nicht die alte Streitfrage behandeln, inwiefern die Idee, das rein Geistige, die geschichtliche Entwicklung fördert, in welchem Umfange sie ursächlich der Ausgangspunkt der Ereignisse ist. Daß materielle, vornehmlich wirtschaftliche Interessen wichtige Faktoren der Geschichte sind, wird wohl heutzutage kein ernster Geschichtsforscher bestreiten wollen. Nichtsdestoweniger bedeutet doch die Idee das Wesen der Geschichte, d. h. der geschichtlichen Betrachtung und Auffassung aller Erscheinungen und aller Vorgänge im Leben der Völker, in ihren wechelseitigen Beziehungen zu einander. Mögen geschichtliche Ereignisse aus rein materiellen Bestrebungen, politischen oder wirtschaftlichen, hervorgegangen sein — ohne die Idee werden wir sie im Zusammenhang und im Rahmen der Geschichte nicht verstehen. Und tatsächlich haben doch alle erschütternden großen Weltereignisse, wie beispielsweise die Kreuzzüge, die Religionskriege des 16. Jahrhunderts in Europa und der dreißigjährige Krieg, wenn man sie auch im Lichte der objektiven Geschichtsforschung größtenteils aus materielle Beweggründe zurückführen kann, mächtig auf die geistige Entwicklung der Völker eingewirkt und dem geistigen Leben überhaupt neue Impulse gegeben. Es steht zu hoffen, daß der gegenwärtige Krieg auch die geistigen Beziehungen der Menschen zueinander neu regeln wird. Müssen wir leider einerseits befürchten, daß der Haß, oder sagen wir milder die Entfremdung zwischen den verschiedenen Kulturvölkern vorerst eine Verschärfung erfahren wird, so kann man andererseits erwarten, daß innerhalb eines Volkes, dies im politischen Sinne gemeint, die Gegensätze zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften und Volkseinheiten, im ethno-