Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 4)
- Language
- German
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18 dessen mögliche Nachkommenschaft bis in die späteste Zeit" (Mischna Sanhedrin I V, 5). Es wäre kleinlich und jedenfalls völlig unangebracht, wollte man jetzt an der Hand der furchtbaren Ereignisse religiöse Erörterungen beginnen, um über den Gegensatz zwischen Judentum und Christentum, zwischen der prophetischen und der neutestamentlichen Ethik zu diskutieren. Aber dies steht einmal fest, daß der blutige Krieg zwischen den fortgeschrittensten Kulturvölkern, gleichviel wer die Schuld an ihm tragen mag, im krassen Widerspruch zu der Lehre der Bergpredigt steht, die sich als eine Antithese gegen die Lehre von der Nächstenliebe in der Bibel in der schärfsten Form gibt. „Ihr habt .gehört, was - euch gelehrt wurde: Liebet eure Freunde und hasset eure Feinde — ich aber sage euch: Liebet eure Feinde und tut denen wohl, die euch hassen; segnet die euch fluchen, betet für die. welche euch beschimpfen" (Ev. Matth. 6, 43—44; Ev. Luk. 6, 27—28). Im ganzen biblischen Schrifttum wird nicht gesagt, daß man den Feind hassen solle; es wird im Gegenteil oft genug den Bekennern des Judentumes die Pflicht eingeschärft, auch dem Feinde, wenn er dessen bedürftig ist, Wohltaten zu erweisen. Aber allerdings wird nicht die Feindesliebe ausdrücklich gefordert. Es ist schwer, den Feind zu lieben, von dem man Böses erfahren hat; aber es ist die-Pflicht eines sittlichen Menschen, seine Gefühle zu beherrschen und sich auch gegen den schlimmsten Feind nicht zu Taten der Rache und der Vergeltung hinreißen zu lassen. In jenem Abschnitt des 3. Buches Mose, das wir gewöhnlich als das Heiligkeitsgesetz bezeichnen, wird gelehrt, daß man auch das Gefühl des Nachtragens und der Rachsucht Niederkämpfen soll — d. h. daß man nicht nur an Widersachern keine Rache nehmen dürfe, sondern auch nicht das Gefühl der Rachsucht in sich tragen soll. Die Ethik der Bergpredigt geht darüber sichtlich hinaus und fordert die Feindesliebe. Wie weit diese Forderung im menschlichen Seelenleben begründet ist, dies mag hier unerörtert bleiben. Daß wir jetzt von dieser messianischen Zeit, von diesem Ideal der Menschenliebe entfernter denn je sind,