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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1915-01-01 · 18 (1915) · p. Seite 17

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
18 (1915)
Article
Literarische Jahresrevue
Date
1915-01-01
Page
Seite 17 (sequence 3)
Language
German
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17 Weiß ich mit mathematischer «Sicherheit, daß das Volk Lessings und Kants, Schillers und Goethes, die die höchsten Ideale des Weltbürgertums gelehrt haben, kein Barbaren- und Hunnenvolk ist, das am Zerstören und grausamen Vernichten Gefallen findet. Man braucht nicht materiell durch diesen Krieg geschädigt zu sein, man braucht auch nicht selbst im Felde gegen den Feind zu stehen, oder seine liebsten Angehörigen im Schlachtgewühl zu wissen, um in diesen Tagen aufs schmerzlichste von den Ereignissen betroffen zu sein. In mir ist noch immer nicht die Ueberzeugung von der Wahrheit der biblischen Lehre erschüttert, daß der Mensch in Gottes Ebenbilde geschaffen und daher das erhabenste Kunstwerk ist. Heuchlerisch, oder sagen wir milder, getäuscht und irregeleitet erheben sie ein Zetergeschrei über die Vernichtung von Kunstwerken, die angeblich von den Deutschen absichtlich herbeigeführt worden sei. Aber das edelste und' wertvollste Kunstwerk ist ein Menschenleben. Wie viele Männer von hoher Bildung, die vielleicht in der Zukunft die Menschheit mit den besten Gütern der Kultur beglückt hätten, haben bereits ihr Leben auf dem Schlachtfeld eingebützt. Und selbst der Tod des einfachen Mannes aus dem Volke, der in schlichter und selbstverständlicher Pflichterfüllung fein Blut für die Verteidigung des Vaterlandes verspritzt hat, bedeutet einen schweren Verlust. Denn wir bewerten nicht nur ihn selbst, sondern auch seine möglichen Nachkommen, die für die Kunst und Wissenschaft vielleicht das Höchste geleistet hätten. Man bedenke, daß der Vater Kants ein unbedeutender Handwerker war. Und so wird man erst die Wahrheit eines Ausspruches in der Mischna verstehen, der die Vernichtung eines Menschenlebens als das schwerste Verbrechen gegen Gott und die Menschheit bezeichnet — ein schwereres Verbrechen als die Zerstörung eines Steinbaues, die so viel Entsetzen bei den Kunstenthusiasten hervorgerufen hat. „Wer auch nur einen Menschen unschuldig ums Leben bringt, der ladet auf sich die Schuld des vergossenen Blutes für den Getöteten und 2

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