Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 2)
- Language
- German
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teiligt. Was die menschliche Kultur an geistigen Gütern Jahrhunderte hindurch geschaffen hat, was die Vornehmsten und Edelsten erstreit und erkämpft haben: die gegenseitige Annäherung und Achtung der verschiedenen Völker und- Rassen, die reine Menschenliebe, das gegenseitige Sichverstehen und Sichergänzen, dies alles scheint mit einem Schlage wenn auch nicht vernichtet, doch wohl erschüttert und gefährdet zu sein. Vielleicht ist das Betrübendste an diesem Kriege der schreckliche Haß, der jetzt von Volk gegen Volk ausgeht und immer bedenklichere Formen annimmt. Denn dieser nationale Haß, diese gegenseitige moralische Verwerfung der Völker, wird zweifellos noch lange nach dein Kriege fortwirken. Daß dadurch die sittliche Kultur in ihrem Fortschritt für absehbare Zeit gehemmt wird, braucht nicht erst bewiesen zu werden. Man hat in früheren Jahrzehnten nicht mehr niit solcher Erbitterung, nicht mehr mit solchem leidenschaftlichen Haß Kriege geführt, wie in unseren Tagen. Da ist unbestreitbar ein Rückschlag in die mittelalterliche Wildheit zu verzeichnen. Den Anfang mit dieser Kampfesweisehaben vorzweiJahren die Balkanvölker gemacht, die zuerst die alte Barbarei in die Kriegführung wieder hineingetragen haben und sich dann gegenseitig der barbarischen Grausamkeiten beschuldigten. Und wie der gegenwärtige Krieg ursächlich mit dem Balkankrieg in engster Verbindung steht, so scheint er auch in der gegenseitigen Beschuldigung und der Entfachung des wildesten Hasses dessen Fortsetzung zu bilden. Ich nehme keinen Anstand, es öffentlich auszusprechen, daß mir der Vorwurf der Barbarei und der Grausamkeit, der namentlich in England gegen Deutschland erhoben wurde, viel ungerechter und verdammungswürdiger erscheint als der Krieg selbst. Auch ich bin fest davon überzeugt, daß das deutsche Volk den Krieg nicht gewollt hat und ihn nur notgedrungen zur Abwehr führt. Indessen bin ich objektiv genug einzusehen, daß diese meine Ueberzeugung nicht auf mathematisch sicherer Grundlage beruht, da mir ein Einblick in die mittelbaren und unmittelbaren Ursachen des Krieges fehlt. Aber das