Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Literarische Äahresrevue. Von Simon Bernfeld. Die literarische Jahresrevue des Jahrbuches für jüdische Geschichte und Literatur, die mir im Laufe der Jahre zu einer lieben und geistig anregenden Arbeit geworden ist, schreibe ich diesmal (in der zweiten Hälfte des Oktober 1914) unter den stürmischen Ereignissen der Weltgeschichte, während in der halben Welt der Krieg zu Land und zu Wasser, wie auch in der Luft tobt und die meisten Kulturvölker im schweren blutigen Kampf miteinander ringen. Große Kriege hat es in der Welt leider oft genug gegeben, und die Geschichte weiß von Weltreichen zu erzählen, die durch solche Kriege zertrümmert wurden, wie auch von anderen Weltreichen, die durch gewaltige Eroberungskriege entstanden sind. Zweifellos haben die Menschen in früheren Jahrtausenden mit mehr Grausamkeit und mit mehr Wildheit gegeneinander gekämpft al§' jetzt. Und doch glaube. ich, daß keiner der weltgeschichtlich bekannten Kriege so tief und so schmerzlich in das Seelenleben der Menschheit hineingegriffen hat, wie der gegenwärtige. Noch jetzt, da wir nahezu drei Monate mitten im Weltkrieg leben, wird es uns schwer, den Gedanken zu fassen, daß ein derartiges Ereignis möglich war. Drei große Kulturvölker/die den geistigen und sittlichen Fortschritt der Menschheit in lobenswertem Wetteifer zu fördern bestrebt waren: Deutsche, Franzosen und Engländer, wetteifern jetzt miteinander in Werken der Zerstörung und Vernichtung. Außer ihnen sind auch -die verschiedenen Völker Oesterreich-Ungarns und die Russen, die man doch nicht alle einfach mit der Bezeichnung Barbaren abtun kann, an diesem schrecklichen Kriege be-