Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5674
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3111067-3111102-3116602--4893-3116645- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
12 Provenchöres (Dep. Vosges), wo wir acht Tage blieben und Gelegenheit hatten, uns am Versöhnungstage wieder zum kurzen Gottesdienste zusammenzufinden. Diesmal war es ein Waldgottesdienst eigener Art. Wir standen am Abhange eines Waldes, umgeben von hohen Fichten, vom Fuße hörten wir das Plätschern eines kleinen Baches, die Sonne sandte ihre Strahlen durch die Bäume, um uns herum aber dröhnte dumpf der Donner der Geschütze. Ergriffen lauschten wir den Worten unseres Vorbeters. Gerade im Augenblick, als das Kaddischgebet gesprochen wurde, sausten über unsere Köpfe vier feindliche Granaten hinweg. Wir faßten sie als Ehrensalut für die gefallenen Kameraden auf." — Die deutschen Juden können um so eifriger und kühner in den Krieg ziehen, als dieser vor allem dazu bestimmt ist, die alle Kultur, alle Gerechtigkeit, alle Duldung und Freiheit bedrohende Macht des russischen Zarentums zu brechen, von ihr nicht nur Europa, sondern auch die russischen Völkerschaften selbst und unter ihnen besonders die dortigen grauenhaft mißhandelten Glaubensgenossen zu erretten. Freilich, in ihrer Not wenden sich jetzt der Zar und die von ihm stets beschützten und begünstigten Pogromhelden an ihre „Hebräer". Nikolaus II. hat die Kühnheit gehabt, eine Proklamation an seine „lieben Juden" zu richten, in der er sie — an die zahllosen Wohltaten erinnert, die ihnen das Haus Romanow (lies: die außereheliche Nachkommenschaft der Kaiserin Katharina II.) erwiesen hat, und ihnen für den Fall der Treue eine schöne Zukunft verheißt. Die russischen Juden wissen ganz genau, was sie von jener ungeheuerlichen, hohnvollen Lüge der Wohltaten in der Vergangenheit, wie von den Versprechungen des meineidigen Zaren zu halten haben. Diese werden noch recht merkwürdig durch Vorfälle erläutert, die mit ihnen in schreiendem Gegensätze stehen. So lalltet ein im Septeniber erlassener Ukas: „Da die im. feindlichen Auslande studierende russische Jugend durch den Ausbruch des Krieges zum Teil hart betroffen wurde, will ich allergnädigst gestatten, Laß sich die aus dem Auslande kommenden studierenden