Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5674
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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das geschieht still, ohne viel Aufhebens, wie selbstverständlich; auch nicht als Aufwallung oder Rausche sondern mit dem ruhigen Vorsatze des Ausharrens bis zum siegreichen Ende. Man hat die Deutschen, oft mit einem geringschätzenden Nebensinn, das Volk der Denker und Träumer genannt. Das sind wir längst nicht mehr, aber den Jdealisinus der Vergangenheit haben wir uns bewahrt, nur daß wir ihn vorzugsweise auf das nationale Gebiet abgelenkt haben. Wie haben einst unter den Griechen ein Themistokles, ein Cimon, ein Aeschylus, ein Jsokrates diesen gesamtnationalen Jdealisinus ersehnt und gepredigt' wie unter den Deutschen ein Walter von der Vogelweide, ein Ernst Moritz Arndt, ein Körner, ein Wilhelm von Humboldt. Allein verwirklicht haben ihn erst die Deutschen der Gegenwart. Und nun, wie stehen wir deutschen Juden zu diesen großen Dingen? Es gibt viele unter uns, die meinen und sagen: hier dürfen wir uns nur als Deutsche fühlen, garnicht als Juden; hier darf keinerlei Eigenbrödelei getrieben werden. Aber das ist eine unmögliche Forderung. Gewiß überwiegt das deutsche Nationalempfinden, indes darunter macht sich doch unwiderstehlich die jüdische Unterströmung fühlbar, die uns durch die Jahrtausende der Vergangenheit eingepflanzt und durch die Sonderstellung verstärkt und vertieft ist, die man uns noch immer aufgenötigt hat. Sie bringt überdies nichts mit sich, was unserem deutschnationalen Streben und Betätigen irgend entgegenwirkt — vielmehr kräftigt sie es noch. Die israelitische Religion ist eine Religion des Friedens. Nicht nur sieht sie das Ideal der messianischen Zeit in einer ununterbrochenen Herrschaft des Völkerfriedens; auch für die Gegenwart predigt sie immer wieder den Frieden nach innen und nach außen. „Der Gerechtigkeit Werk ist Friede, der Gerechtigkeit Frucht ewige Ruhe und Sicherheit, da wohnet mein Volk in der Hütte des Friedens" (Jesaias 32, 17). „Nur liebet die Wahrheit und den Frieden", empfiehlt der Prophet