Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5674
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3111067-3111102-3116602--4884-3116636- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gewiß haben wir alle und besonders die Juden Ursache manches an ihm auszusehen: allein wie verschwindet das dor der unnachahmlichen Größe, mit der dieses Volk in voller Einstimmigkeit, mit gänzlichem Verzicht auf die tiefen Gegensätze, die es innerlich trennen, mit völliger Verneinung jeder persönlichen Rücksicht sich für den Bestand und die Macht des Vaterlandes erhoben hat! Auch dieses beispiellos in der Weltgeschichte. Wie war das griechische Volk während seines viel bewunderten und von den Dichtern aller Zeiten gefeierten Kampfes gegen Asien in sich gespalten; wie viele seiner Stämme und Staaten standen da beiseite oder schlossen sich gar aus selbstischem Partikularismus dem Nationalfeinde an. Der Befreiungskrieg vor einem Jahrhundert rief zunächst nur das östliche Norddeutschland unter die Waffen gegen den fremden Bedrücker, für den die deutschen Rheinbundsstaaten so lange kämpften, bis das Glück gegen ihn entschieden hatte. Aber zu unserer Zeit sehen wir ganz Deutschland in dem unerschütterlichen Entschlüsse geeint: für das große Vaterland kriegen und siegen mit dem Einsätze jeder Persönlichkeit, jedes Blutstropfens, des letzten Pfennigs. Millionen aus Millionen Kämpfer entquellen dem bereiten Schoße des deutschen Volkes; Jünglinge und reife Männer, Söhne greiser Eltern und Familienväter drängen sich mit gleich heiligem Eifer auf die blutgetränkten Schlachtfelder — unglücklich ist nur der, der Zurückbleiben muß. Edle Begeisterung und unwiderstehliche Kühnheit reißen in bewundernswertem Drange Alle mit sich. Wer daheim bleiben muß, müht sich, die materiellen Mittel für gründliche .Fortführung des Kampfes dem Reiche zu verschaffen, das Elend der verlassenen Familien zu lindern, die Soldaten mit wärmenden Bekleidungsstücken und erfreuenden Liebesgaben zu versehen Es gibt keinen anderen Gedanken, es gibt kein anderes Streben, kein anderes Interesse. Selbstsucht, Kleinlichkeit, Vergnügungstrieb, Eitelkeit, Genußsucht sind für den Augenblick vor den schönsten und erhebendsten Eigenschaften des Opfermuts und der Vaterlandsliebe verschwunden. Und alles