Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5674
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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feiten und hinterlistigen Mordtaten, die sie dabei betätigten, beweisen uns zu unserer grausigen Ueberraschung, auf einem wie abgrundtiefen, für unmöglich gehaltenen Punkte der Barbarei die Menschen der Gegenwart noch stehen. Alle Greuel des Mittelalters und des Dreißigjährigen Krieges werden, wenn nicht überboten, so doch wiederholt. Aber in einem Punkte sind wir weiter gediehen: alle die vielbewunderten Fortschritte der Naturwissenschaften und der Technik dienen nur dazu, das Morden raffinierter und gründlicher zu gestalten. Aus den Tiefen des Meeres und aus den Höhen der Luft wissen wir jetzt den Tod über Tausende zu senden. Ein Mann dreht an einer Kurbel und der Eisenhagel des Maschinengewehrs rafft ganze Kompagnien hinweg. Ein einziges Geschoß aus dem 42 Zentimeter-Mörser begräbt alle Verteidiger eines Forts unter dessen Trümmern, während giftige Gase die im Schützengraben verschanzten Massen ersticken. Der Mutigste und Entschlossenste erliegt wehrlos der modernen Mordmaschine. Alles das bedeutet die Vernichtung, die Verneinung der laut gepriesenen Zivilisation. Wir stehen tiefer als der brutale aber naive Höhlenmensch vor zehntausend Jahren. Güte, Mitleid, Scheu vor Recht und Moral sind aus der europäischen Menschheit geschwunden. Das ist nun das Ergebnis der „christlichen Lehre und Sitte", die seit fast zwei Jahrtausenden den Anspruch erhebt, die Menschheit gehoben und gebessert, ja das messianische Reich der Liebe, der Selbstlosigkeit und der allgemeinen Menschenverbrüderung begründet zu haben. Die roheste Barbarei, Selbstsucht, Lüge und Grausamkeit triumphiert, der Haß, der blutigste Haß. Gerade die Nationen und Staaten, die sich am meisten auf ihr Christentum zu gute tun: England und das „heilige" Rußland, sind die wahren Urheber und die unbedenklichsten, heuchlerischsten Betreiber des Weltbrandes. Aber wir wollen doch nicht verkennen, daß er auch Großes und Herrliches hervorgebracht und ins Leben gerufen hat. Vor allem die bewundernswerte Begeisterung, Hingabe und Entschlossenheit unseres deutschen Volkes.