Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Der Meschummed
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 254 (sequence 69)
- Language
- German
- Belongs to
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254 die seit der Krankheit der Mutter die häuslichen Verrichtungen besorgte, war nicht da. Was war da zu tun? Zunächst den Vater der Kleider entledigen und ins Bett. Es ging besser, als er erwartet hatte; der Vater half ein wenig, nur stöhnte er hin und wieder heftig auf, jede Wendung des Körpers verursachte ihm sichtlich Schmerzen. Jetzt lag er ruhig unter der Bettdecke. Aber das Gesicht veränderte sich doch zusehends. O Gott, ist denn kein Mensch da? Schnell zu den Nachbarsleuten oder auf die Straße, da ist wohl jemand, den man zum Doktor schicken könnte. Doch der Vater gibt ihm mit allen Zeichen der Unruhe zu verstehen, daß er den Arzt nicht wolle. Und jetzt beginnt er auch schon, sich zu erholen. Er will sprechen, doch wird's ihm schwer. Nun findet er die Worte. „Nicht — den Doktor", spricht er schwach und abgerissen, „die — — Chewreleut^) --sollen — — — kommen!" — Die Chewreleut? — O Gott, so fühlt der Vater, daß der Tod herannaht! — Und weiß noch nicht! — — Und weiß noch nicht! — Und da sprudelt's ihm von den Lippen, eilig, eilig, in fliegender Hast, laut, lauter, daß er's noch höre, daß er's mitnehme in die Ewigkeit und es der Mutter in Gan Eiden erzähle: daß er in der Nacht gleich nach der Beerdigung, als der Vater schlief, hinausgeschlichen sei nach dem Beiß aulom^) und da den Kaddisch gesagt habe/ den er am Tage nicht hatte über die Lippen bringen können. Der Sterbende wandte unruhig den Kopf ab. Redete der Sohn irre? — Wollte er mit solchen Dingen das fliehende Leben halten? — „Die Chewreleut!" stöhnte er. Doch nein, noch durften die Chewreleut' nicht kommen, erst mußte er dem Vater die Beruhigung geben, daß alles wahr, wahr, wahr sei, nichts gelogen! — Mitglieder der frommen Brüderschaft.?) Friedhof.