Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Der Meschummed
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 253 (sequence 68)
- Language
- German
- Belongs to
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253 Wenn auch ein Beschluß der Gemeindeverwaltung noch nicht vorlag; doch mußte ein solcher jeden Tag erfolgen. Von seinem nächtlichen Gange hatte Salomon seinem Vater nichts gesagt. War es Scham, war es ein anderes Gefühl, das ihn zurückhielt, dem Vater von seiner inneren Umkehr zu sagen, er wußte es selbst nicht; irgend etwas schloß ihm den Mund. So sollte denn das sein Abschiedswort an den Vater sein, und er selbst wollte zehren an der Freude, die er noch nachhaltig auf dem ferneren Lebenswege genießen wollte, und die ihn hinwegbringen sollte über alle jene Schwierigkeiten und Kämpfe, die drüben seiner harrten. Da öffnete ihm das Schicksal früher den Mund als er gedacht hatte. Der alte Süßklang war seit dem Tode seiner Frau ein anderer geworden. Zwar war ihm kein Gram anzumerken, aber er wurde schon wenige Tage nach der Beerdigung ruhig, merkwürdig ruhig und müde. Und er, der im Gebet jederzeit Trost und Ruhe und Freude gesunden hatte, bat ein Gemeindemitglied vor dem Morgengebet, das wie alle Andachten im Trauerhause gehalten wurde, an seiner Stelle das Vorbeten zu übernehmen. Die Männer fanden das nur natürlich, denn der alte Mann hatte ein so ganz anderes Aussehen bekommen. Heute fühlte er sich wieder wohler und kräftiger, und er äußerte, er wolle abends wieder selbst vorbeten. Die Männer sahen einander verständnisvoll an. So wußte der alte Süßklang also von der Sitzung, die heute stattfinden sollte, und in der zweifellos sein Kontrakt erneuert werden würde; der Schammes, der nie seinen Mund halten konnte, hatte sicherlich geplaudert, und so würde es nicht, wie man gewollt, eine Überraschung sein. Gleich nach Tisch hatte sich der alte Mann auf Zureden des Sohnes auf das Bett gelegt. Sinnend stand Salomon am Fenster und blickte hinaus auf die kahlen Bäume des gegenüberliegenden Gartens. Da hörte er ängstlich seinen Namen rufen. Er drehte sich um. Was war das mit dem Vater? Er warf die Arme um sich und stöhnte. Kein Mensch war zugegen; auch die Frau,