Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Der Meschummed
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 251 (sequence 66)
- Language
- German
- Belongs to
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251 Frau nicht tot für ihn, die Hoffnung auf das Wiedersehen, die felsenfest in seinem Herzen lebte, trug den alten Mann über alle Bitterkeit des Scheidend hinweg. Der Sohn saß wie geistesabwesend da; er nippte aus Zureden der Frauen wohl einigemal an seiner Tasse, aber er trank nicht und aß nicht; er mußte immer nur jenes Augenblicks denken, da der Vater das Kaddischgebet sprach und er von weitem zuhörte, und ihm war, als ob die Entfernung nicht wenige Schritte nur, nein viele Meilen, viele viele Meilen betragen hätte. Gegen Äbend klopfte es. Auf das Herein erschien die rote Riwke in der Tür und zog ihren unglücklichen Sohn hinterher. Sie blieb stumm bettelnd an der Tür stehn, im Trauerhause waren die Herzen ja weich. Was ärgerte den alten Mann, der noch niemals jemandem unfreundlich begegnet war, an der roten Riwke, daß er ihr einige kärgliche Pfennige in die Hand drückte und ihr gleichzeitig die Tür öffnete und sie barsch gehen hieß? Salomon hatte mechanisch nach der Tasche gegriffen, ließ aber die Hand wieder sinken. Er war wie abwesend, sein Geist war noch immer auf dem Friedhofe. Schwarz war die Nacht. Der Sturm rüttelte und schüttelte an den Türen und Toren, und was nicht niet- und nagelfest war, das wurde hin- und hergerissen. Die Wetterfahnen knarrten ihr unheimliches Lied von den Dächern, und in den Schornsteinen heulte es wie greulicher Teufelsspuk. Längst lag alles tief in den Federn. Da öffnet sich leise die Tür im Süßklangschen Hause, und eine Gestalt tritt in die Nacht hinaus. Was hat der Mann aus dem Trauerhause jetzt draußen zu tun, wo doch die ScheidimZ umgehen und gerade die Trauernden bedrohen? Der Mann fürchtet die Scheidim nicht, und wenn ihrer Legion gewesen wären; ihn treibt eine Angst, *) Dämonen.