Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Der Meschummed
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 246 (sequence 61)
- Language
- German
- Belongs to
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246 ihm Vorkommnisse genug aus seiner Jugend ein, bei denen sich der Wohltätigkeitssinn der Gemeinde im hellsten Lichte gezeigt hatte. Ja, die Wohltätigkeit hatte oft wieder gut machen müssen, was Ungerechtigkeit verschuldet hatte. — Immer? Nein! Wohltun kann nimmer Gerechtigkeit auswiegen. Wie hatten die Eltern stets darauf bedacht sein müssen, sich gute Freunde zu halten, und das war nicht immer leicht gewesen, es gab da viel, oft sehr viel herunterzuschlucken! Aber man mußte sie haben, oft um den Preis der Selbstachtung, denn wenn jene schlimmen Zeiten kamen, dann mußten sie gut machen. Wie mußte dieser und jener Freund in solchen Zeiten laufen, zu den Vorstehern, Repräsentanten und andern einflußreichen Männern, um — ja nicht etwa, um Vorteile zu erlangen, nein, nur um Selbstverständliches zu erhalten, nur um das bißchen, was man schon besaß, behalten zu dürfen, nur um gerecht und billig behandelt zu werden! — War man nicht auch jetzt wieder auf dem Wege, durch Barmherzigkeit die Ungerechtigkeit gegen den Vater gutzumachen? Doch er mochte sich die Ungerechtigkeit der Gemeinde noch so grell ausmalen, was war alle Ungerechtigkeit gegen seine Schuld? Und der Doktor Werbel kannte doch auch alle Untugenden der Gemeinde, hatte er doch Fühlung mit ihr, zog ihn doch eine sichtbare Sympathie zu ihr hin, und doch diese Bitterkeit, dieser harte Vorwurf gegen den eigenen Vater, der es so eilig gehabt hatte, ihn „in den großen Topf" hineinzubringen! — Hatte es denn der Väter nicht gut mit dem Sohne gemeint? Wollte er ihm nicht die Wege ebnen, all die mannigfachen Hindernisse beseitigen, die sich ihm entgegenstellen mußten im Leben? — Und dafür hatte der Sohn nur ein Wort des Vorwurfs? — War Werbel nicht ungerecht gegen seinen Vater? - Er brütete über diese Frage nach, er erwog sie nach allen Seiten. Er zog alles in Betracht, was er über den Mann gehört, was er an ihm beobachtet hatte. Nein, der Mann war nicht ungerecht. Er war ein Gegner