Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Der Meschummed
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 245 (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111100-3116303--4838-3116577- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
245 er, im Taumel, nein klug und bedacht den Schritt getan? — Wird nicht auch Werbeis Vater alles wohl erwogen haben? — Ein Sekundaner ist gewiß noch kein erfahrener Mensch, der einen Ueberblick über das vielgestaltige Leben hat, aber stillschweigend, läßt er sich auch nicht zur Taufe schleppen, ein Wort der Erklärung, der Begründung muß man ihm schon mitgeben. Nun, er lebte ja jetzt wieder in einer jüdischen Gemeinschaft, hatte wohl auch noch alle Erlebnisse aus seiner Jugend in Erinnerung, kannte ihre guten und schwachen Seiten zur Genüge. Und ihm kam die mannigfache Unbill in Erinnerung, die der Vater, auch früher, als er noch jünger war, erfahren und unverdient erfahren hatte. Kränkungen, nicht immer so schlimmer Art wie jetzt hier bei der Kündigung, bisweilen kleinlicher Natur, Nadelstiche . . . . Aber auch die schmerzen. Und nicht bloß Nadelstiche, auch herbere Kränkungen, die im Elternhause die Stimmung oft wochenlang niederdrückten, und auch an ähnlichen Bitternissen hatte es nicht gefehlt wie hier; noch sieht er die sorgenvollen Blicke der Mutter, damals, als ihr Haar noch braun, ihre Gestalt noch jugendlich war. Ja, jetzt hatte er's. Mangel an Gerechtigkeitssinn war es, der ihm und seinen Eltern so viele schwere Stunden bereitet hatte, und ja, jetzt wird's wieder lebendig in ihm: All das hatte er sich auch in jener verhängnisvollen Stunde und oft nachher noch in Erinnerung gerufen, um vor sich selber den Schritt zu rechtfertigen. Da schreckte ihn wieder das angstvolle Rufen des Vaters aus seinem Sinnen auf. „Schick sie weg, schick sie weg, ich kann nicht so viel essen, mir ist bitter ..." Die letzten Worte gingen in ein unverständliches Murmeln über. Das gab Salomons Gedanken eine andere Richtung. Die Eltern hatten ja auch Liebes und Gutes erfahren. Diese Teilnahme in bösen Tagen war so wohltuend; es gab einem das Gefühl, als ob sie alle, die ganze Gemeinde, eine einzige Familie seien. Da fielen