Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Der Meschummed
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 244 (sequence 59)
- Language
- German
- Belongs to
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244 - Und dann wieder von der roten Riwke und ihrem blödsinnigen Chaskel, denen er nicht die versprochenen drei Taler geben könne, weil's sein Salme nicht wolle. Immer wieder klang's, oft mit steigender Angst, oft beschwichtigend: „Geh, Riwke, geh, Salme will nich!" Verstand Salomon Süßklang auch nicht, was der Vater von der roten Riwke wollte, so ahnte er doch, daß in diese wirren Träume der Gram um seine Abkehr hineinspielte. Wie mußte diese doch die beiden bedrückt haben, die Frau, die dort nebenan in dem weißen, schmucklosen Holzschrein lag, und ihn, der sich in wirren Träumen auf seinem Lager wälzte! O daß er dieses Blatt aus seinem Lebensbuche hätte ausreißen können! — Der eine unbedachte Schritt und diese jahrzehntelange Qual! — Warum mußte man mit so vielen Fäden in den einmal eingenommenen Lebensverhältnissen festhangen, warum konnte man sich nicht mit einem Riß daraus sreimachen, wie die Spinne, die ihr Nest im Stiche läßt und sich irgendwo ein anderes baut! War die Strafe nicht zu hart für die eine leichtsinnige Tat! — Er hätte gern ein schweres Schicksal auf sich genommen, wenn dieser Schritt zu tilgen wäre. Klein, atomhaft klein erschien ihm, was er als Jude für Kränkungen und Zurücksetzungen erfahren hatte, im Vergleich zu den Qualen, die er seit jener Zeit ertragen mußte, und die sich hier, da er wieder in einer jüdischen Gemeinschaft lebte, und unter dem Drucke des harten Schicksalsschlages bis zur Unerträglichkeit steigerten. Da fiel ihm der Doktor Werbel ein; bei dem hatte er Anlehnung versucht, wie man gern eine Gesellschaft aufsucht, von der man die Billigung eines einmal getanen Schrittes erwartet. Doch auch der hatte ihn im Stiche gelassen, auch der. Ließ sich denn nichts zu seiner Rechtfertigung anführen, gar nichts? — Konnte er nichts, gar nichts finden, das ihm recht gab? — War es Torheit, bloße Torheit, die Tausende denselben Weg führte? — Waren es nicht oft kluge, welterfahrene Menschen, die nicht, wie