Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Der Meschummed
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 240 (sequence 55)
- Language
- German
- Belongs to
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240 Am zähesten verteidigte den Beschluß der Gemeindebehörden noch der dritte Vorsteher, Herr Silberreich, und vergebens bemühte sich seine Gattin, ihn zu einer milderen Ausfassung zu bewegen. Sie bat, sie schmeichelte, sie suchte sein Mitleid wachzurufen, Herr Silberreich war unbestechlich. Sie drohte; doch Herr Silberreich war furchtlos. Sie schmollte. Herr Silberreich ertrug auch das; was hat ein Vorsteher nicht alles über sich ergehen zu lassen, dafür war man ja Träger eines verantwortungsreichen Amtes! Es ließ sich ja aber auch so ganz gut leben. Das Essen schmeckte — Gott sei Dank — und die Zigarre auch, und die Sonne der häuslichen Gnade würde schon wieder scheinen; die Frauen sind nicht lange unversöhnlich. Da kam der liebe Sabbat heran und das beste des heiligen Tages, das Mittagessen. Die Suppe schmeckte gut, der Braten vortrefflich. Jetzt mußte die Krone deK Mahles kommen, die Nudelspeise, die keine Hausfrau fern und nah so vorzüglich zubereiten und backen konnte wie sein Täubchen. Herr Silberreich streckt sich auf seinem Stuhl und knöpft die beiden untersten Westenknöpfe auf, die beiden folgenden würden nach der Speise an die Reihe kommen. Doch es dauert heute lange bis zur Speise, und die Hausfrau ist nicht bei Tische, ist wohl noch in der Küche mit der Zurüstung beschäftigt. „Geh, Emmchen, frag Maman, ob die Speise noch nicht kommt!" Emmchen, ein altkluges Ding von fünf Jahren, sieht den Vater verschmitzt an und sagt: „Speise gibt's heut nich, Papa. Mama hat gesagt, Speise gibt's überhaupt nich mehr." Da schlag doch.... Herr Silberreich ist in demselben Augenblicke in der Küche. Das hübsche Täubchen steht an den Herd gelehnt und beantwortet die sich überstürzenden Fragen des Gatten mit gut gespielter Gleichgültigkeit. Sie denke nicht daran, sich die große Arbeit zu machen; andere Leute täten auch nicht, was sie wolle, und sie mache überhaupt keine Speisen mehr.