Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Der Meschummed
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 236 (sequence 51)
- Language
- German
- Belongs to
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236 Der Doktor schien auch keine Antwort zu erwarten. Er sah unverwandt geradeaus und rührte den Kopf um keine Linie. Nach einer Weile sagte er wie im Selbstgespräch, nicht laut, aber grollend: „Hatte es sehr eilig, der Alte, uns in dem großen Topp unterzubringen?" Dann aber fuhr er auf Süßklang los, als ob der ihm eine schlimme Injurie an den Kopf geschmissen hätte: „Herr, hatten Sie es auch so eilig, in den großen Topf hineinzukriechen?" Der Kutscher fuhr bei diesen im hellsten Zorn hervorgestoßenen Worten erschrocken herum, wurde aber gereizt zurechtgewiesen: „Sie, Johann, bekümmern sich um die Gäule!" Schweigend fuhren sie nun einen Waldweg dahin, und keiner sprach ein Wort. Der Doktor pfiff irgend etwas vor sich hin, bald klang's wie ein Marsch, bald wie ein Studentenlied, bald wie ein Tanz, immer in abgerissenen Takten. Der Wald lichtete sich, und vor ihnen lag ein Dorf, in dem der Arzt noch einen Krankenbesuch zu machen hatte. Dann fuhren sie nach der Stadt zurück. Doch sprach der Doktor auf dem ganzen Wege nicht mehr. Nach der Rückkehr entschuldigte Salomon seine lange Abwesenheit damit, daß er den Doktor Werbe! getroffen und sich mit ihm längere Zeit unterhalten habe. Er erklärte, er wolle bald nach der Beerdigung der Mutter zu ihm gehen, um ihm die Krankenrechnung zu bezahlen. Doch der Vater sagte: „Den Weg kannst Du Dir ersparen, der Doktor nimmt von uns keine Bezahlung." Als Salomon den Vater fragend ansah, erhielt er die Erklärung: „Er hat wohl gesehen, daß wir unser Geld auch ohne Doktor loswerden." Nachdem der alte Mann ein Weilchen vor sich hingesehen hatte, sagte er, halb für sich, ohne den Blick zu erheben: