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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1914-01-01 · 17 (1914) · p. Seite 235

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
17 (1914)
Article
Der Meschummed
Date
1914-01-01
Page
Seite 235 (sequence 50)
Language
German
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235 Werbe! ist der Mann, mit dem er über seine Lage sprechen muß; ist er doch der einzige in der Stadt, der mit ihm das gleiche Schicksal hat. Der Arzt spricht von der Verstorbenen wie von einer lieben Bekannten und sagt, daß Frau Süßklang wegen ihrer stillen und pflichttreuen Art seine besondere Sympathie besessen habe. Das klang diesmal nicht poltrig und rauh, sondern teilnehmend, fast weich. Süßklang rückt auf seinem Sitze unruhig hin und her. Er möchte etwas sagen, weiß aber nicht, wie er es in Worte kleiden soll. Schließlich spricht er von der Härte des Schicksals, das ihm die Mutter nach jahrzehntelanger Abwesenheit gerade jetzt entrissen habe. Er sagt es, um etwas zu sagen, und weil er nicht die Worte für das findet, was er gern gesagt hätte. Der Doktor meinte, Süßklang könne glücklich sein, daß er die Mutter noch am Leben getroffen und sich des Wiedersehens mit ihr habe freuen können, und er hätte ja noch den Vater. Den Vater? — So ging's! Da mußte er einhaken! „Der Vater, ja, Herr Doktor," klang's ein wenig zögernd und verlegen, „zwischen uns ist nicht alles, wie es sein soll." Der Doktor bekam ein rotes Gesicht und sagte in seiner rauhen, poltrigen Manier, noch poltriger als gewöhnlich, fast zornig: „Das will ich glauben, Verehrtester! Dazu hat der alte Mann auch alle Ursache!" Süßklang war verwirrt. „Daß Sie, Herr Doktor, mir das ..," Doch der Doktor Werbe! unterbricht ihn mit steigender Gereiztheit, und seine Stimme klingt abstoßend: „Daß ich, gerade ich Ihnen das sagen muß, mein Herr, hat seinen guten Grund. Hat Ihr Herr Vater Sie vielleicht auch etwa taufen lasten, als Sie sich in der Sekunda noch die Hosen blank scheuerten?" Süßklang erschrak; das klang so ganz anders, als er's erwartet hatte, und er fand kein Wort der Erwiderung.

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