Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1914-01-01 · 17 (1914) · p. Seite 233

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
17 (1914)
Article
Der Meschummed
Date
1914-01-01
Page
Seite 233 (sequence 48)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3111067-3111100-3116303--4826-3116565
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

233 schwer, so herzzerbrechend schwer, aber so eigentümlich. Das war doch kein gewöhnliches Weinen und Schluchzen? O Gott, dem alten Mann wird doch nichts zugestoßen sein? Da sucht er zitternd nach dem Licht und zündet es an. Er hält es über das Gesicht des Vaters, der jetzt ruhig schläft. Offenbar hat er im Traume geweint. . Er stellt das Licht so, daß sein Schein nicht aus das Gesicht des Vaters fiel. Doch nach einigen Augenblicken warf sich der alte Mann wieder unruhig hin und her und murmelte unverständliche Worte. Mit verhaltenem Atem saß der Sohn da und lauschte, ob er ein Wort verstehen könnte. Jetzt werden die Worte deutlicher; es scheint ein wirrer Traum zu sein, der den Schlafenden quält. „Geh, Jettchen, mein Kind, schick die rote Riwke weg!" Wieder stöhnt der Mann im Schlafe tief auf und fährt dann mit steigender Angst fort: „Schick se weg, ich kann ihr die drei Taler nicht geben!" Wieder schluchzt und weint der alte Mann herzzerbrechend. „Sie soll den dummen Chaskel mitnehmen! — Hungern is nich schlimm, frieren auch nich! — Geh, Riwke, ich geb' Dir die drei Taler nich — Salme, mein Salmechen, will nich!" Herzklopfend hatte der Sohn seinen Namen gehört; jetzt würde wohl etwas kommen, das einen Blick in des Vaters Herz tun ließ. Ein hartes Wort, ein Fluch? Doch nichts dergleichen. Salmechen hat er ihn genannt, wie in den Tagen der frühesten Kindheit wohl bisweilen, Salmechen! — Doch jetzt erwähnt er seiner nicht mehr. Die Gedanken drehen sich nur immer um die rote Riwke und ihren unglücklichen Sohn, den blödsinnigen Chaskel, die von dem alten Mann drei Taler verlangen, die er ihnen nicht geben will, nicht geben kann, dazwischen öfters Schluchzen und Weinen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.