Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Der Meschummed
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 232 (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
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232 — in der Vorderstube etwas und hatte die Tür halb geöffnet. Er sah hindurch. Da lag sie, bald Heller, bald schwächer von einer flackernden Kerze beleuchtet, an der Erde, mit einem Weißen Laken zugedeckt. Die Wächterin hatte gefunden, was sie suchte, und lehnte die Tür wieder an. Der Mann preßte seine Stirn gegen die kalten Scheiben und kämpfte mit aller Anstrengung das Schluchzen nieder, das ihm in der Kehle aufstieg. Doch ja, er hatte sie gesehen, mit ihr gesprochen, er hatte auf's neue ihre Liebe erfahren. Und was heute geschehen war, das ist der Welt Laus. So war's seit Beginn der Welt, und so würde es auch mit ihm und seinen Kindern und seinen Kindeskindern sein. Und doch konnte dieser Gedanke ihn nicht beruhigen, etwas quälte ihn, quälte ihn da drinnen. Warum hatte die Mutter nicht auch seiner gedacht in ihrer letzten Stunde? Warum hatte sie nur des Vaters Hand genommen? Nicht nach ihm gefragt, mit keinem Wort, mit keinem Blick? — Was hatte die Mutter doch nur zum Vater gesprochen? „Was weinst Du, Gerschem? In Gan Eiden...," Und seiner hatte sie nicht gedacht, mit keinem Wort, mit keinem Blick! Ja, jetzt hatte er's, er schreckte zusammen. In dieser Welt, ja, da gehörten sie zusammen, aber in jener nicht. In dem Augenblick, da ihre Seele schon jener Welt angehörte, da .... Ihm krampfte sich das Herz zusammen. Und dann, als sie die Gebete sprachen, wie hatte es da in seiner Seele ausgesehen! Er hatte außer dem „Echod" nichts über seine Lippen gebracht. Der Vater hatte für sie gebetet und die fremden Frauen, und er, ihr Sohn, ihr einziger Sohn, hatte nicht um sie beten dürfen! — Da warf er sich verzweifelt auf das Sofa und vergrub sein Gesicht tief in das Polster. Doch was war das für ein Aufschluchzen? Da wieder! - Der Vater schluchzte auf seinem Lager, so