Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Der Meschummed
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 229 (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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229 Blicke sind auf ihn gerichtet. Anfangs klingt seine Stimme umflort, und tiefes Weh hallt aus dem Munde des Greises, dessen Gesichtsfarbe sich nur wenig von der des weißen Bartes unterscheidet. Seine Augen sind zu Boden gerichtet, und leise zitternd dringen die Töne aus tiefer Brust hervor. Allmählich wird die Stimme fester, seine Augen heben sich nach oben, sein Gesicht färbt sich lebhafter, sein Blick ist in ferne, unerforschte Weiten gerichtet, und voller Zuversicht klingt's aus seinem Munde: „Einst wird der Allmächtige die Toten wiedererwecken in seiner großen Gnade." Der Tod hat für den frommen Mann seine Schrecken verloren, und mit gottergebener Innigkeit schließt er: „In Deine Hand befehle ich meinen Geist, ob zum Schlafen, ob zum Wachen, und mit meinem Geiste meinen Leib. Du, o Gott, bist bei mir, was habe ich da noch zu fürchten!" Sie kchlskloke Nacht. Salomon hatte in seinen Vater gedrungen, sich zu Bett zu begeben, und der alte Mann lag auf dem Lager, das man für ihn in der Vorderstube hergerichtet hatte. Der Sohn wollte sich nicht niederlegen und faß in der dunkeln Stube; das Licht hatte er ausgelöscht, damit der Vater vielleicht noch eine Stunde Schlaf fände. Durch die angelehnte Tür fiel ein schwacher Lichtschein aus der Hinterstube herein, wo Frauen die Totenwache hielten. So schwach der Lichtschein war, der aus der Hinterftube hereinfiel, Salomon wandte ihm den Rücken, weil er ihn störte, und ging ans Fenster, schob leise den Vorhang zurück und starrte hinaus in die dunkle Nacht. Nur kein Licht jetzt, da alles dunkel in ihm war! Wie hatte er sich nach dem Wiedersehen gesehnt, namentlich nach ihr, an der er mit ganzer Seele hing! — Wie hatte es ihn tief geschmerzt, tagtäglich, jahrelang, daß sie voneinander geschieden waren, — nicht durch den Ozean, der vermag nicht die Herzen zu scheiden — und das hatte ihm jede Lebensfreude vergällt! — Oft hatte er mit der