Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Der Meschummed
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 230 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111100-3116303--4823-3116562- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
230 Feder in der Hand über dem Papier gesessen und gesonnen und gesonnen, ob er nicht durch ein paar aufrichtige Worte den Weg zu der Eltern Herzen zurückfände. Aber dann hatte er das Papier beiseite gelegt und sich auf spätere Zeiten vertröstet. Und wenn er einige Zeilen zustande gebracht hatte, dann kamen ihm die Worte so fremd vor, als ob sie ein anderer geschrieben hätte; und was sie enthalten sollten, enthalten mußten, das hatte er nicht gesagt. — Schämte er sich vor der Frau, die da an seiner Seite ging, der Mutter seiner Kinder, der er das Opfer gebracht hatte, ungefordert, freiwillig, der er im Liebesrausch mit vielem andern auch das zu Füßen gelegt hatte? — War es denn ganz freiwillig geschehen? — Dieser und jener Verwandte des abgöttisch geliebten Mädchens hatte ihm Andeutungen gemacht, daß er sich ihre Gunst schneller gewinnen würde, — und dann war es geschehen; gesprochen hatte er mit ihr niemals darüber. Dann war jener Brief von Hause gekommen, jener schreckliche Brief, der ihn wieder in die Wirklichkeit zurückbrachte, der ihn: die Welt daheim im Elternhause ausmalte, und tief beschämt mußte er sich's eingestehen, daß er sich an Vater und Mutter und allem, was ihnen heilig war und auch ihm bislang heilig gewesen war, versündigt hatte. Und das war der Schatten, der seitdem aus seinem Leben lastete und ein Glück nicht aufkommen ließ, der auch oftmals zwischen ihn und sein Weib getreten war. — Wie war es doch gewesen, damals, als er übet gelaunt war und ihn ein kleiner unbedeutender Zwist im Hause zu jener ungerechten Bemerkung veranlaßte, aus der die Frau erkennen konnte, welches Opfer er ihr gebracht hatte? Noch sieht er die erstaunten Augen aus sich gerichtet, noch hört er die Frage aus ihrem Munde: „Aber, Kind, habe ich denn das Opfer von Dir verlangt?" — Das klang so aufrichtig, so ehrlich, daß er sich vor ihr schämen mutzte. Es hatte ihn nur noch unglücklicher gemacht.