Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Der Meschummed
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 225 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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225 fühlte sich einsam, ach so einsam, und doch ging sein Sohn neben ihm her, und es hätte nur eines herzlichen Wortes von seiner Seite bedurft, um ihn sich auch innerlich nahe zu bringen; Salomons Herz sehnte sich nur so danach, und zwei tragen eine schwere Last leichter als einzeln. Aber dieses Wort sprach der Alte nicht, und die Frau, die sonst die Fäden gesponnen hatte, daß zwischen den beiden nie ganz die Verbindung von Herz zum Herzen gelöst war, sie lag teilnahmlos da und schien für die Dinge dieser Welt kein Interesse mehr zu haben, und doch hätte ihr Wort jetzt Segen, so viel Segen stiften können! Der Arzt kam jetzt zweimal des Tags, er hatte die Bitte des alten Sützklang, sich doch nicht so oft die Mühe zu machen, polternd mit den Worten zurückgewiesen: „Wenn's Ihnen nicht paßt, schmeißen Sie mich raus!" Der Mann erregte überhaupt das Interesse Salomon Süßklangs. Im Gegensätze zu seiner rauhen, fast groben Art stand seine Fürsorge, die sich nicht bloß auf die Patientin erstreckte, sondern auch den Vater einschloß. Er schien Verständnis für alle Vorgänge in einem jüdischen Hause, für alle Regungen des jüdischen Gemütes zu haben. Als der Vater aber einmal im Lause des Gesprächs ein jüdisches Wort brauchte, wurde der Arzt verlegen und vermied es einige Tage, mit dem Vater zu sprechen; doch war er kurze Zeit daraus wieder der alte. Süßklangs erhielten jetzt öfters Besuch von den Gemeindemitgliedern; nicht nur die Frauen zeigten sich fürsorglich, auch die Männer. Solche, die dem alten Süßklang in der letzten Zeit aus dem Wege gegangen waren, kamen ab und zu und zeigten Teilnahme, einige wohlhabendere nicht bloß mit Worten, und allmählich erfuhren Süßklangs, daß der Doktor Werbel diesen und jenen gefragt hatte, ob er schon bei dem alten Süßklang gewesen wäre. Als Vater und Sohn eines Vormittags wieder lange stumm nebeneinander hergegangen waren, brachte der Sohn das Gespräch auf den Arzt und sagte, wie glücklich 15