Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Der Meschummed
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 226 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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226 doch die Gemeinde sei, daß sie einen solchen Arzt in ihrer Mitte habe. „Gemeinde?" fragte der Alte, gegen seine Art gereizt, der Mann hat nichts mit der Gemeinde zu tun, der Mann ist Christ." Damit war das Gespräch beendet. Nachdem der Vater lange aufgeregt hin- und hergegangen war, daß er fast vergessen hatte, seiner Frau rechtzeitig die Medizin zu reichen, begann er von selber wieder: „Die Leut' sagen, er is getauft, schon sein Vater hat ihn taufen lassen." Der Mann interessierte jetzt Salomon noch mehr. Auch jener ein Täufling! Als Kind, durch den Willen des Vaters, nicht durch eigne Entschließung! — War er denn bei jenem Schritte ganz frei gewesen? — War er nicht auch einem Zwange gefolgt, dem Zwange, den die Liebe aus ihn ausgeübt hatte? Am nächsten Tage ging wieder ein Raunen durch die Gemeinde. Aber nicht Arger und Zorn zeigte sich auf den Zügen der Menschen, sondern Erschrockenheit und Mitgefühl, und nicht laut sprachen sie, sondern leise, leise, und gerade die weiblichen Gemeindemitglieder waren es, die hin- und hereilten und die Kunde verbreiteten, es ginge mit der Frau Süßklang zu Ende; der Doktor Werbel hätte zur Frau Goldmark gesagt, die Frauen sollten sich bereit halten. Und so versammelten sich acht Frauen, die von der Vorsteherin dazu bestimmt waren, im Hause der Frau Rosenstock, um des Augenblicks gewärtig zu sein, wo man sie nach dem Sützklangschen Hause rufen würde. Frau Gabriel und Liebe hatten die Wache für diese Nacht übernommen und bildeten mit den acht Frauen das Minjan, das nach altem Brauch in der Gemeinde zugegen sein mußte, wenn eine Seele die irdische Hülle verließ. Frau Süßklang lag seit Stunden teilnahmlos da. Salomon stand am Fenster der Vorderstube und starrte in die dunkle Nacht. Der Vater saß in einer Ecke und