Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Der Meschummed
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 224 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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224 Tag festgesetzt sei, erklärte er in seiner poltrigen, scheltenden Art, daß das bei dem Zustande der Mutter nicht ginge, und daß Salomon die Reise um einige Tage aufschieben müsse. Als der Arzt das besorgte Gesicht des Vaters sah, sagte er: „Machen Sie nicht so'n langes Gesicht, Süßklang! Wegpusten läßt sich so was nicht gleich, ein paar Tage müssen Sie sich schon gedulden!" Und dem alten Mann beim Weggehen die Hand reichend, fügte er hinzu: „Es wird schon wieder besser." An der Tür wandte er sich noch einmal um: „Sagen Sie mal, Süßklang, haben Sie nicht 'ne alte Frau, die hierbleiben kann?" Der alte Mann verneinte verlegen; der Sohn aber erklärte sich bereit, zu wachen. „Nein nein," wehrte der Arzt ab, „dazu brauchen wir 'ne Frau. — Aber wissen Sie, ich gehe sowieso bei Goldmarks vorüber, und da kann ich mal gleich mit der Frau darüber sprechen." Salomon begleitete den Arzt zur Tür hinaus, und draußen sagte ihm dieser: „Hören Sie mal, es steht nicht gut mit Ihrer Mutter, dem alten Mann brauchen Sie's aber nicht zu sagen!" Der Arzt richtete mit Frau Goldmark, der Vorsteherin des Frauenvereins, die Wachen und die Pflege ein. Jede Nacht sollten zwei Frauen der Gemeinde am Krankenbette wachen. Von Pflege konnte bei der Patientin allerdings kaum die Rede sein, da sie nur selten einen Bissen oder einen Trunk nahm. Die Stimmung war naturgemäß trüb im Hause, weit trüber als in ähnlicher Lage in anderen Häusern. Vater und Sohn wechselten nur selten ein Wort miteinander. Nicht die Krankheit der Mutter allein war schuld daran; es war etwas zwischen den Männern, das eine rechte Uebereinstimmung nicht aüfkommen ließ. Schließen sich in solcher Lage die Familienmitglieder sonst um so enger zusammen, das Herz des alten Mannes