Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Der Meschummed
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 220 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111100-3116303--4813-3116552- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
220 vergebliche Schritte. Frau Süßklang gehörte nicht zu jener großen Zahl von Frauen, die alles, was sie bedrängt und drückt, wortereich beklagen und beweinen und darin eine gewisse Erleichterung finden. Aber um so schwerer trug sie an der neuen Bürde. Sie versah ihre Wirtschaft nach wie vor mit der Gewissenhaftigkeit, die ihr stets eigen gewesen, und der Fremde hätte glauben können, daß sie sich leichtherzig über dieses Unglück hinwegsetze. Aber der Gatte kannte die Art dieser Frau, und daß sie kein Wort sprach, keine Klage hören ließ bei diesem jähen Schlage, war für ihn eine neue Sorge. Ueber den Brief und die Sache sprach sie überhaupt nicht, und wenn sie über das in dem Haushalt Notwendige einige wenige Worte sagte, so hatte ihre Stimme einen eignen zittrigen Klang, als ob sie innerlich friere. Der Sohn machte sich bittere Vorwürfe. Er ahnte, daß der Schritt der Gemeindeverwaltung mit seinem Besuche zusammenhinge, ohne jedoch den materiellen Erwägungen der Gemeinde die ihnen zukommende Bedeutung beizumessen. Nach langer Ueberlegung und nach Beratung mit dem Vater — die Mutter hatte zu seinem Vorhaben immer nur stillschweigend mit dem Kopfe genickt — entschloß er sich, zu den Vorstehern zu gehen und sich nach dem Grunde der Entlassung zu erkundigen. Er wurde von den Herren höflich empfangen; jeder wälzte die Schuld auf die anderen Gemeindevertreter, die geltend gemacht hätten, die Gemeinde müsse sich bei dem hohen Alter seines Vaters nach einer jüngeren Kraft umsehen. Salomon Süßklang glaubte, man wolle ihm die Wahrheit vorenthalten, und fragte geradezu, ob seine Anwesenheit vielleicht die Veranlassung zu dieser Maßregel gegeben habe. Man verneinte und versicherte, daß seine Anwesenheit nichts mit der Sache zu tun habe. Der dritte Vorsteher, Herr Silberreich, war ein Jugendfreund von Salomon Süßklang und nahm ihn mit einer gewissen Herzlichkeit auf; aber auch er konnte ihm keine