Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Der Meschummed
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 210 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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210 Ein böses Zeichen! Das Reinlichkeitsbedürfnis hatte diese Frau schwerlich so früh aus dem Bette getrieben. Sie erwidert Süßklangs höflichen aber eiligen Gruß mit den Worten: „Guten Morgen, Herr Kantor", ruft aber noch besorgt hinterdrein: „Was macht Ihre Frau? Hat sie sich schon erholt?" Also Frau Schöntan wußte. Als er in dieSynagoge trat, stand umHerrnSilberreich das ganze Minjan*) herum, vom kleinen Leo Riesenseld, der erst vor vier Wochen Bar mizwa^) geworden war, bis zu dem mehr als achtzigjährigen Senior des täglichen Minjans, dem weißbärtigen Nachmann Lesser. Also wußten auch die schon Bescheid, und es hätte nicht des halblauten, erschrockenen „Er kommt", das der in solcherlei Dingen noch nicht genügend routinierte Leo Riesenfeld ausstieß, und des Rippenstoßes, den ihm der tolpatschige Schammes versetzte, bedurft, für einen Kenner der Gemeindepsyche genügte ein Blick auf die neun Gemeindemitglieder, die in Einigkeit beisammenstanden und bei seinem Erscheinen, Gleichgültigkeit heuchelnd, auf ihre Plätze gingen. Wer wollte es dem alten Manne verargen, daß er anfangs nicht mit den Gedanken beim Gebete war; die kleine Gemeinde hinter ihm merkte aber seinem Vorbeten nicht an, wie es in seiner Seele aussah. Doch jetzt kam ein Gebet, das auf seine Lage paßte, und er flehte zu Gott: „Laß uns nicht kommen in Sünde und Schuld, nicht in Versuchung und Schande, und gib dem sündigen Triebe nicht Macht über uns! Halte fern von uns böse Menschen und laß fest werden in uns den Trieb zum Guten und zu guten Werken! Beuge unfern Willen, daß er sich Dir unterwerfe, und laß uns heute und immerdar Gunst, Wohlgefallen und Liebe finden in Deinen Augen und in den Augen der Menschen!" Jetzt wurde leise die Sch'maune eßre^) gebetet, und aus tiefer Seele flehte Süßklang: ') eine Zahl von Personen, die zur Abhaltung eines gemeinsamen Gottesdienstes erforderlich sind. 2) konfirmiert. 3) ein Gebet.