Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1914-01-01 · 17 (1914) · p. Seite 209

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
17 (1914)
Article
Der Meschummed
Date
1914-01-01
Page
Seite 209 (sequence 24)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3111067-3111100-3116303--4802-3116541
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

209 er nicht was andres gewöhnt sein als sie beide, die alten Leute? — Aber wenn Besuch kommt, muß es Kaffee geben, und wenn ein so lieber Besuch kam, der liebste aus der ganzen weiten Erde, dann durfte es nicht gewärmten vom Morgen geben, wie sie und ihr Gerson ihn tranken, dann gab es frischen, und dazu nahm man nicht recht recht viel Zichorie und wenig Bohnen; nein umgekehrt, wenig Zichorie und viel viel Bohnen, — aber-nicht zuviel, denn alle Frauen in der Gemeinde sagten, das wäre das reine Gift. Nun aber mußte Frau Süßklang die beiden doch stören. Mit verlegnem Gesicht sagte sie, es sei keine Backware im Hause, und sie wolle zum Bäcker Schrneling gehen . .. Süßklang unterbrach seine Frau und sagte, sich erhebend, er wolle die Backware holen, sie dürfe nach dem Ohnmachtsanfalle nicht auf die Straße. Dazu bewegte ihn allerdings noch ein anderer Grund; er wußte, seine Frau würde beim Bäcker und vielleicht auch unterwegs erzählen, und heute sollte es -noch niemand erfahren, niemand, es würde morgen noch schnell genug die Runde durch das Städtchen machen. Als er aber wieder auf dem Rückwege war, da erinnerte er sich des neugierigfragenden Blicks der Bäckerfrau. Es war ja auch keine Kleinigkeit, noch einmal abends Backware — ein Mann in seinen Verhältnissen! — Und da stiegen ihm doch Bedenken auf, ob die Anwesenheit seines Sohnes bis morgen geheim bleiben würde, und besorgt malte er sich auf dem Wege durch die dunkeln Straßen aus. was dieser und jener denken und sagen würde, was vor allem sie sagen würden, die Gemeindegewaltigen, die sein Schicksal in ihrer nicht immer wohlwollenden Hand hielten, und die Zeit rückte heran, wo. sein Kontrakt abgelaufen sein würde. Das Gelübde. Als Süßklang des andern Morgens zum Frühgottesdienst nach der Synagoge ging, konnte er schon beobachten, daß die Ankunft seines Sohnes kein Geheimnis geblieben war. Frau Schöntan putzte an ihren Fenstern herum. 14

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.