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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1914-01-01 · 17 (1914) · p. Seite 203

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
17 (1914)
Article
Der Meschummed
Date
1914-01-01
Page
Seite 203 (sequence 18)
Language
German
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203 der Baugasse war alles beim alten geblieben, die alten einstöckigen Gebäude grüßten ihn wie gute Bekannte; die Kastanienbäume aber, die in seiner Erinnerung noch sehr jung waren, ragten hoch und starkknochig in die Luft, und ihm ist, als ob sie ihre schmucklosen Arme zu der verwunderten Frage emporreckten, was er hier zu suchen habe. Jetzt steht er zögernd vor dem Hause still, in dem der Kultusbeamte Süßklang wohnt. Herzklopfend tritt er an die geschlossenen Fensterläden und lauscht. Nichts ist da drin zu hören, nur ganz leise hört er die Uhr ticken. Da öffnet sich in: Nebenhause geräuschvoll eine Tür, und der Fremde geht ausgeschreckt auf die Haustür zu, die sich knarrend öffnet. Der Flur ist nicht erleuchtet; doch er tastet sich durch zur Stubentür, er kennt ja noch die Oertlichkeit. Er klopft an, und eine ihm fremd und doch bekannt klingende Stimme ruft: „Herein!" Da sitzt ein alter Mann im Lehnstuhl am Tisch und legt ein Zeitungsblatt aus der Hand, um forschend nach der Tür zu sehen. Höflich erhebt er sich und nimmt sein Käppchen ab, als er sich einem Fremden gegenübersieht. Da erscheint auch die Frau an der Hintertür und blickt forschend auf den Fremden. Was geht in der Seele des Mannes vor, der unschlüssig dasteht und außer dem „Guten Abend" kein Wort zu finden scheint? Ja es waren die Gesuchien, und doch waren sie es nicht mehr. Das Haar des Vaters war weiß und spärlich geworden, und die Schriftzeichen, die er auf seinem Gesichte tief eingegraben trug, erzählten dem Sohne von seinem eigenen Schicksale. Und die Mutter, ja war sie es wirklich, die alte gebrechliche Frau? — Vielleicht war sie es nicht, vielleicht lebte sie nicht mehr, und eine andere schaltete an ihrer Stelle! Doch, die lebhaften dunkeln Augen — ja sie war es. Da stieg's in ihm auf. Doch nur jetzt nieder mit der Rührung, wer weiß, wie die Ueberraschung auf die alten Leute wirken wird! „Ich wollte sehen, wie es Euch geht", kam's zögernd aus seinem Munde.

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