Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Der Meschummed
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 202 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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202 lieber das Gepäck ins Hotel und in welches bringen solle; doch der Fahrgast war auf dem Wege so schweigsam gewesen, dazu hatte er so bestimmt seine Weisung gegeben, daß der Fuhrmann nicht weiter fragen mochte. Als er aber das Fahrgeld nachzählte und ein gutes Trinkgeld heraüsrechnete, da wollte er sich doch noch erbieten, dem Fahrgast das Gepäck ins Haus zu bringen. Doch der Mann hatte seine kleine Reisetasche genommen und war mit einem kurzen „Guten Abend" davongegangen, ehe der schwerfällige Fuhrmann seine Absicht ausführen konnte. In dem Städtchen ging der Laternenanzünder mit der Leiter umher, und hie und da glühten einzelne Petroleumflämmchen auf, als der Fremde durch die Straßen wanderte. Er sog tief die kräftige Herbstluft ein, und Bilder der Kindheit wurden wach. Ja, traulich blickte ihn alles in diesen Straßen an, obgleich sich manches verändert hatte. Hin und wieder drehte sich einer der Straßenpassanten nach ihm um. Ein Fremder — jetzt abends, nur mit leichtem Handgepäck, — man muß doch wissen, wohin der geht! — Ja ja, die Leutchen sind noch so wie früher und scheinen hier alle viel Zeit, merkwürdig viel Zeit zu haben. Da begrüßt ihn eine Frau gerade unter einer Laterne mit einem lauten „Guten Abend!". Der Mann erschrickt und blickt in ein unbekanntes Gesicht, obwohl ihm die Stimme bekannt klingt. Die Frau sieht dem Fremden kopfschüttelnd nach; sie erkennt ihn noch nicht, und ihr freundlicher Gruß hat seinen Zweck verfehlt. Er mustert jetzt die ihm Begegnenden scharf. Das junge Mädchen kann er fragen, die gehört nicht zur Gemeinde und ist auch zu jung, um ihn zu kennen. Er fragt, ob sie wisse, wo der Judenkantor — so hatten ihn die Christen ja Wohl immer genannt — wohne. Das junge Mädchen nennt ihm die Baugasse und sieht ihm nach. Das Deutsch des Herrn klingt so fremdländisch, und sie möchte gar zu gern wissen, wer er ist, und was er beim Judenkantor will. Jetzt biegt er in die Baugasse ein. Ja, hier sieht's noch wie in seiner Kindheit aus. In den andern Straßen hatte manches Haus, das ihm in Erinnerung geblieben war, einem stattlicheren Neubau Platz gemacht. Hier in