Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Der Meschummed
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 201 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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201 Ler Kleinen Gasse wohnte, wo das Feuer auskam, wobei se sich erschreckt hat." Der Mann nickte zustimmend, ihn ärgerte heute nicht dieses verblüffende Gedächtnis seiner Frau für die fernliegendsten Dinge und gleichgültigsten Personen. „Weißte noch, wie er wie tot dalag und der Doktor Blünike, der erst von de hohe Schul hergekommen war, Len Kopf geschüttelt hat und gefragt hat, ob das unser einzig Kind is?" Der Mann nickte nur statt aller Antwort. „Und vierzehn Tage und Nächte haben wir bei ihm -gesessen — da an der Tür stand das Bettche — und haben ihm Umschläge gemacht. — Und' weißte noch, wie er zum -erstenmal die Augen aufgemacht hat und gesagt hat: „Mutter, wo is inein Pferdßen?" Und ganz allmählich schwand die bittere Gegenwart, und die alten Leute lebten in der Erinnerung, und der Mann wurde redselig wie ein Schulbube, und die beiden konnten sich gar nicht genug tun in dem Austausch -all der Erinnerungen, die das Glück einer Familie ausmachen. Die Frau ging an die alte Kommode und kramte und kramte und brachte ein kleines Kästchen zum Vorschein und stellte es auf den Tisch und öffnete es und suchte Erinnerungszeichen hervor an den einzigen Sohn. Und beide standen davor und lächelten glückselig und lebten ganz in der Vergangenheit, nicht als ob sie um ihren Sohn Schiwe gesessen hätten, als ob er da im Vettchen an der Küchentür schliefe und morgen zu seiner Eltern Glück aufs neue erwachen würde. ver kekuch. Wenige Wochen nach diesem Vorgänge fuhr von der etwa eine Stunde entfernten Bahnstation ein Einspänner nach M. Es dunkelte bereits, als die ersten Häuser sichtbar wurden. Der Fahrgast hieß den Kutscher halten und sagte, er werde den Rest des Weges zu Fuß Zurücklegen; das Gepäck wollte er nächsten Tages von ihm abholen lassen. Der Fuhrmann wollte noch dieses und jenes fragen, wo der Fahrgast wohne, ob er ihm nicht