Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Der Meschummed
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 200 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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200 geh ich unter die Menschen und komm' mal'ne Stunde auf andre Gedanken." Bei diesen Worten hatte er sich mit beiden Händen an den Kops gefaßt, als ob ihm der Verstand entweichen wollte und er ihn sesthalten müßte. Dann fuhr er, nun ebenfalls in heftige Gemütsbewegung geratend, fort: „Aber nachts, Jettchen, nachts, wenn ich nich in die Schul und an mein Geschäft und unter die Menschen gehen kann, dann lieg' ich mit offenen Augen da und dann, dann, dann..." Die Bewegung übermannte ihn, und er konnte nicht mehr weiter sprechen. In schmerzliche Gedanken versunken, saßen die Eheleute einander gegenüber. Nichts war eine Weile zu hören als das Ticken der Uhr. Frau Süßklang fuhr sich mit ihrer Schürze über die Augen und sagte, nicht mehr schmerzlich bewegt, sondern weich, wie in wehmütiger Erinnerung: „Weißte noch, Gerschem, wie er damals is umgefallen mit dem Stühlche am Freitag abend?" Der Mann nickte ein paarmal zustimmend mit dem Kopfe. „Das werden zu Szimchas Taure*) nu auch schon 32 Jahr." Und dann, als ob der Mann, wie gewöhnlich, die Zuverlässigkeit ihrer Daten anzweifelte, fuhr Frau Süßklang fort: „Ja, Gerschem, Du kannst mir glauben, das war fünf Wochen vor dem großen Brand, und das werden denn 32 Jahr." Dann fuhr sie fort, ihren Mann von der Richtigkeit ihrer Daten zu überzeugen, ohne daß dieser auch nur den geringsten Widerspruch hören ließ. „Di: mußt doch wissen, Gerschem, das war in demselben Jahr, wo die alte Micheln starb; nich die am Markt, das war e junge Frau und starb im Wochenbett; ich mein die Mutter von de Frau Lesser, die damals in *) ein Fest.