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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1914-01-01 · 17 (1914) · p. Seite 199

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
17 (1914)
Article
Der Meschummed
Date
1914-01-01
Page
Seite 199 (sequence 14)
Language
German
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199 Aber Frau Süßklang ließ sich heute nicht abweisen. „Was heißt, ich verstör' Dir den Schabbes!" brach es hervor, „is er mir nich verstört die fufzehn Jahr, jeder Schahbes und alle Jomtauwim ^). So bitter is mein Gemüt, daß ich möcht, man legt mich in die Erd. Da, auf dem Beiß aulom^) werd ich wieder Ruh haben." Der leidenschaftliche Ausbruch erschreckte den alten Mann sehr. Er hatte die Klagen über den ungetreuen Sohn schon oft gehört; aber es war eine wehmutsvolle, linde Trauer gewesen, die die Frau sonst äußerte. Dieser elementare Ausbruch rang auch ihm das Geständnis ab: „Trauer' ich nicht? Is er nicht mein Sohn so gut wie Deiner?" Ein wenig ruhiger, doch immer noch stark bewegt, fuhr die Frau fort: „Sieh, Gerschem, Du fühlst das nich so, wie 'ne Mutter fühlt. Du hast Deine Beschäftigung, Du gehst alle Tage in Schul, Du kommst unter die Leute, da haste zu denken an andere Sachen. Ich aber sitz hier in de Küch oder in de Stub, tagaus, tagein, un wenn ich über de Straß geh, zieh ich mir mein Tuch übers Gesicht, daß mir de Leut nich ansehn mein Weh; un wenn ich auf den Markt geh, zahl ich lieber 'n Sechser mehr, als ich lange Handel', daß nich andre Leut kommen un mit mir zu reden anfangen. Und wenn ich in Schul bin, in de liebe Schul, der einzige Ort, wo mir leichter is, geh ich weg vor Oleim?) und vor dem Kaddisch^), weil ich den Kaddisch nich mehr hören kann, seit wir um ihn Schiwe gesessen haben!" „Du hast recht, Jettchen," sagte Süßklang weich, „ich geh unter die Leut', ich muß unter die Leut' gehn, in Schul und zum Schächten und manchmal auch so! Weißt Du, warum ich unter die Leute gehen muß. auch wenn ich nichts zu tun habe? — Weil ich fürchte, Schern boruch hu^ nimmt mir den Verstand, wenn ich immer an alles denken muß, was wir erlebt haben. Und darum *) Feierlage. 2) Friedhof. 3) das Schlutzgebet. 4) Gebet für die Verstorbenen. 5) Umschreibung des Gottesnamens.

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