Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Der Meschummed
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 198 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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198 in ein Buch. Sie hatte nur wenig von dem Mahle genossen; der Mann hatte es glücklicherweise nicht gesehen, wie sie nur ganz kleine Bissen zum Munde führte; dafür hatte sie um so eifriger mit Messer und Gabel geklappert um ihn zu täuschen. Wie ein uns widerfahrenes schweres Geschick nach dem ersten herben Schmerz allmählich hinabsinkt auf den Grund unserer Seele und von den nachfolgenden Begegnissen und Geschehnissen überdeckt wird und nur wieder an die Oberfläche steigt, wenn ein Wort oder ein Erlebnis die Decke fortnimnit. so hatte die unüberlegte Frage Minchen Behrs nach ihrem Sohne all das Herzeleid wieder heraufbeschworen, das sie betroffen hatte, und wieder irrte ihr die Erinnerung an den Sohn durch alle Winkel ihres mütterlichen Herzens. Sie hatte sich vorgenommen, heute nicht noch einmal seiner zu erwähnen, sie wollte es allein tragen und ihrem Manne das sabbatliche Behagen nicht stören. Doch zu voll war auch ihr jetzt wieder das Herz, als daß es nicht hätte überlaufen sollen. Die Tränen tropften laut auf das vor ihr liegende Buch, und der Mann rückte unruhig im Strohsessel hin und her. Das Behagen war verschwunden, wie wenn beim schönsten Sonnenschein plötzlich ein Rollen am Himmel Unheil ankündigt. Unmut umwölkte seine friedliche Stirn, doch bezwang er sich noch und hielt die Zurechtweisung zurück, die ihm auf die Lippen treten wollte. Als Frau Süßklang merkte, daß ihre Trauer entdeckt worden war, flössen die Tränen reichlicher, und sich selbst scheltend, sprach sie klagend und vorwurfsvoll: „Ich weiß nich, wie es kommt, ich muß heut immerzu an ihn denken." Die Worte, mit denen Süßklang sonst die Gefühlsausbrüche seiner Frau zurückwies: „Wir haben uni ihn Schiwe gesessen", wollten ihm jetzt nicht über die Lippen, dazu war er heute selbst zu weich gestimmt; doch sagte er abweisend: „Geh, mein Kind, was verstörste Dir und mir den Schabbes!"