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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1914-01-01 · 17 (1914) · p. Seite 193

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
17 (1914)
Article
Der Meschummed
Date
1914-01-01
Page
Seite 193 (sequence 8)
Language
German
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193 War nicht auch sein Sohn ein Sinkender gewesen, und hätte Gottes Hand ihn nicht zu stützen vermocht! Doch schnell ging dieses bittere Gefühl vorüber, und gottergeben pries der alte Mann den Herrn, zu dem alle Augen hoffend emporschauen, und der allen Geschöpfen ihre Nahrung zur Zeit gibt; der seine Hand öffnet und alles Lebende mit Wohlgefallen sättigt. Als er aber zu den Worten kam: „Gerecht ist der Herr in allen seinen Wegen," da sank sein Mut wieder tief herab, denn das waren ja die Worte, die man am Grabe eines Dahingeschiedenen spricht, und war sein Sohn nicht für ihn tot! Sollte er nicht für ihn tot sein! Und als er am Schluffe des Psalmes das KaddischgebetZ sprach, da war ihm, als ob er an einer Bahre stünde und ihm aus dem hölzernen Sarge die bleichen Züge seines Sohnes entgegenstarrten. So schwankte das tief aufgewühlte Gemüt des alten Mannes auch während der folgenden Gebete hin und her. Sprach er von dem Erlöser, den Gott einst den spätesten Enkeln bringen wird, so dachte er mit Granen, daß seine Enkel der Erlösung nicht teilhaftig werden würden. Betete er mit gläubigem Sinne, daß Gott einst die Toten erwecken und seine Treue denen halten würde, die im Staube schlafen, so lag es ihm drückend auf der Seele, daß er einst vor dem göttlichen Angesichte erscheinen müßte ohne ihn. Hörbar schlug ihm daber und auch noch bei den folgenden Gebeten das Herz, und er wurde erst wieder ruhiger, als ihm das Gebet um den stillen Herzensfrieden von den Lippen kam. Nun kam er zu den Psalmen, die Gottes Größe und Herrlichkeit in allen einem gottbegeisterten Gemüt zu Gebote stehenden Tönen preisen, und deren erster, der 95. Psalm, mit den Worten beginnt: „Auf, lasset uns jauchzen dem Ewigen, jubeln dem Hort unsres Heiles! Lasset uns begrüßen sein Antlitz mit Danklied, mit Gesängen ihni jubeln! p ein Gebet, das auch für die Verstorbenen gesagt wird. 13

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